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Hört Hört, Eine Straße Erzählt Ihre Geschichte

Hört hört, eine Straße erzählt ihre Geschichte

Schon seit meiner Kindheit lebe ich in Innsbruck, wo ich einen Großteil meines Lebens immer in der Mandelsbergerstraße verbracht habe. Fakt ist jedoch, dass sich diese Straße seit meiner irdischen Anwesenheit (beginnend mit 1999) kaum verändert hat und da ich mir kaum vorstellen konnte, dass der Asia-Imbiss von nebenan oder die kleine Pizzeria gegenüber schon seit über 100 Jahren existieren, beschloss ich mich auf die Suche nach den Ursprüngen ,,meiner‘‘ Gegend zu machen und bin dabei auf einige interessante Erkenntnisse gestoßen.

Die Mandelsbergerstraße hat ihren Namen vom Mandelsberger- oder Mentelberger Hofbrunnengeleit, deren Quellen am Wiltener Berg gefasst werden und das seit dem 16. Jahrhundert Trinkwasser liefert. Soviel zur Namensherkunft, tauchen wir nun in die Entstehungsgeschichte ein. Die Straße taucht erstmals 1904 im Häuserverzeichnis auf. Damals bestand sie lediglich aus den Häusern Nr. 1, 3 und 5, die teilweise als Wohnhäuser und teilweise als Räumlichkeiten für das ein oder andere Geschäft dienten. Später wurde die Straße bis zur Hausnummer 19 erweitert und ab 1914 findet man auch ein Haus Nr. 21 in den Verzeichnissen vermerkt. Damit wurde die Gegend noch attraktiver für Geschäfte aller Art; in den 20er-Jahren boten unter anderem ein Zimmermeister, Schuhmacher, Verkäufer, Krämer und sogar ein Diplomlehrer für Stimmbildung dort ihre Dienste an. Die vorläufig letzten Änderungen innerhalb der Straße erfolgten in den 30er-Jahren als man die Hausnummer 24 vergab; später in Adressbüchern, die während dem Zweiten Weltkrieg erschienen sind, sind nur noch die Nummern 1 bis 19 verzeichnet. Mein Fazit: Diese Straße hat öfters ihre Hausnummern gewechselt als ich meine Telefonnummer wahrscheinlich jemals wechseln werde.

Mit dem Zweiten Weltkrieg endet auch die Glanzzeit der Mandelsbergerstraße. In den Kriegsjahren 1943/44 wurde die Gegend schwer bombardiert, die Häuser Nr. 7 und 9 erlitten unter anderem Totalschäden, die teilweise von den Hausbewohnern selbst mit eigenen finanziellen Mitteln behoben wurden. Selbst in der Nachkriegszeit wurde das Leben in der Mandelsbergerstraße nicht leichter. Zwar hatten einige Glück und konnten in unversehrten Wohnungen hausen, doch der Großteil der Bewohner hatte mit vielen Problemen zu kämpfen. In zahlreichen Erhebungsberichten aus den späten 40er- und den frühen 50er-Jahren klagte man über feuchte und kalte Räumlichkeiten. Viele nutzten die Mandelsbergerstraße als Übergangsaufenthalt, da ihre ursprünglichen Wohnungen komplett zerbombt waren, weiters konnten viele Unterkünfte aufgrund der Fliegerschäden nicht vergeben werden. So kam es dazu, dass sich mehrere Personen eine Wohnung teilen mussten und nicht selten liest man in den Berichten über Familien, die mit lediglich 20 Quadratmetern auskommen mussten. Die beengte Wohnsituation kam unter anderem dadurch zustande, dass die französischen Besatzungstruppen viele Wohnungen beschlagnahmt hatten und die eigentlichen Bewohner zwangsweise delogiert wurden.

All diese Gründe sind vermutlich ausschlaggebend für die Errichtung des Häuserblocks auf unserem Foto gewesen. Das Bild zeigt die Mandelsbergerstraße mit den Häusern Nr. 20, 22 und 24 als Rohbau und entstand um 1955. Die Häuser sind auch heute noch im Besitz der Österreichischen Bundesbahnen und ihre Entstehung hat sicher vieles erleichtert. Ich selbst bin im Haus Nr. 22 aufgewachsen und obwohl ich bis 2018 dort gewohnt habe, fühlte es sich immer an als sei die Zeit stehen geblieben, da die letzte Sanierung sicher schon ein paar Jährchen zurücklag. In unserer Wohnung konnte nur die Küche vom Haus aus mittels Ofen beheizt werden. Den Rest versuchte man irgendwie provisorisch mit kleinen elektrischen Heizkörpern zu wärmen, aber um die Stromrechnung nicht zu strapazieren geschah dies in großzügigen Abständen. Mein Lieblingsmoment in diesem Haus war eindeutig jener als ich einmal an der Fensterbank in meinem Kinderzimmer anzog und plötzlich das ganze Konstrukt in meinen Händen hielt. Darunter befanden sich massenweise alte Zigarettenschachteln, die entweder von den Bauarbeitern wahllos hineingesteckt wurden oder als Dichtungsmaterial fungierten sollten. Keiner kennt die Hintergründe, es wird vermutlich immer ein Rätsel bleiben, aber die Situation an sich war sehr erheiternd.

Mittlerweile wurde der Häuserblock aber komplett saniert sowie modernisiert, trägt nun ein schickes Braun an den Wänden und an die ereignisreiche Vergangenheit der Mandelsbergerstraße erinnert heute eine kleine gräuliche Gedenktafel, die an der Hausmauer des ,,neuen‘‘ Blocks angebracht wurde.

(Verena Kaiser)

Stadtarchiv Innsbruck KR-NE-7960
Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
    1. Hallo lieber Gottfried,

      Mittlerweile ist ein zweiter Teil zur Mandelsbergerstraße online gegangen. Ich hoffe, dass Sie darin die Antwort auf all Ihre Fragen finden werden.
      Mfg Verena

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