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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Überstellungsflüge

Überstellungsflüge

Am 2. Juni 1926 sorgte um 13.30 Uhr das Motorengeräusch von zwei unbekannten Großflugzeugen für einiges Aufsehen im Innsbrucker Luftraum. Mit dem Erreichen des Stadtgebiets konnte die Bevölkerung sehr gut das Surren der Motoren aus einer Höhe von 2.500 m wahrnehmen, weil die beiden Maschinen sogar einige Zeit über das Stadtgebiet kreisten. Dabei gingen die Flugmaschinen sogar auf eine Höhe von ungefähr 800 m nieder und waren daher für die überraschten Bewohner deutlich sichtbar. Doch zum großen Erstaunen erfolgte der Weiterflug nach Osten, ohne einen Zwischenstopp auf dem Flughafen Innsbruck vorzunehmen. Daher stellten sich für manche Passanten einige Fragen: Woher kommen diese große Flugzeuge, wohin fliegen sie, warum erfolgte keine Landung, dienten die Flüge eventuell der Spionage und um welche Flugzeuge handelte es sich überhaupt? All diese Fragen wurden in den Berichten der Neuesten Zeitung Nr. 125 vom 3. Juni 1926, 3 und in den Innsbrucker Nachrichten Nr. 125 vom 4. Juni 1926, 5 beantwortet. In diesem Fall handelte es sich um zwei französische Militärflugzeuge der Type Farman F.68BN4 für die polnische Luftwaffe, welche am 2. Juni 1926 in der Früh von Paris aus starteten und vormittags einen Tankstopp am Schweizer Flughafen Dübendorf bei Zürich vornahmen. Von dort ging es dann weiter über den Arlberg in östlicher Richtung über Innsbruck nach Wien und weiter nach Polen. Nur wenige Wochen später waren erneut zwei Flugzeuge dieses Typs über Innsbruck zu sehen, jedoch mit dem Unterschied, dass diese am 1. August 1926 auch zum Erstaunen der Flughafenleitung am lokalen Flughafen landeten. Doch vorerst sah es nicht nach einer Zwischenlandung aus, denn die beiden Flugzeuge hatten das Stadtgebiet von Innsbruck in Richtung östliches Inntal überflogen und bald konnten diese auch nicht mehr mit dem freien Auge verfolgt werden. Aber kurze Zeit später nahmen die Bewohner unerwartet wieder Motorengeräusche von Flugzeugen am Himmel wahr und bald konnte man die Rückkehr der beiden schon bekannten Flugzeuge beobachten. Dieses unvermutete Flugmanöver wurde durch eine massive Schlechtwetterfront im Bereich der Stadt Schwaz verursacht und veranlasste die beiden Piloten, den Weiterflug nach Wien aus Sicherheitsgründen nicht fortzusetzen, sondern umzukehren und eine sichere Landung am Flughafen Innsbruck vorzunehmen. Der ursprünglich nicht vorgesehene Aufenthalt in Innsbruck erstreckte sich jedoch wetterbedingt noch bis zum nächsten Tag. Diese luftfahrerische Sensation war natürlich ein gefragtes Fotomotiv am Flughafen Innsbruck, denn auf dem jungen Innsbrucker Flughafengelände (Eröffnung: 1. Juni 1925) waren derartige Großflugzeuge bisher völlig unbekannt. Die polnische Luftwaffe hatte insgesamt 32 Militärflugzeuge des Typs Farman F.68BN4 in Frankreich bestellt. Auf Grund der Dimensionen dieser Flugmaschine (Länge: 14,77 m/Spannweite: 26,50 m/Höhe: 4,90 m/Reichweite: 1.200 km/Höchstgeschwindigkeit: 154 km/h und Besatzung: zwei Piloten und zwei Mechaniker) trug diese den Namen „Goliath“. Nachdem sich am 2. August 1926 im Laufe des Vormittags endlich die Wetterlage verbessert hatte, konnten die Piloten mit ihren Fluggeräten die beiden unterbrochenen Flüge nach Wien und Warschau wieder aufnehmen. Ob weitere Überstellungsflüge dieser Militärflugzeuge von Frankreich nach Polen über das Inntal erfolgten, oder ob sich nochmals die Möglichkeit eines Zwischenstopps in Innsbruck ergab, kann durch die bisher bekannte Quellenlage jedoch noch nicht geklärt werden. 

Mehr zur Geschichte des Innsbrucker Flugwesens können Sie im Jubiläumsband nachlesen.

Autorin: Tanja Chraust / Titelfoto: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, RM-PL-2191

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Das Detail mit der wetterbedingten Zwangspause in Innsbruck ist mir neu, ebenso der vorausgegangene Überflug mit den Kreisen in Mittelgebirgshöhe. Ich habe mir mit anno den Wetterbericht des 2. Juni herausgesucht. Es scheint so gewesen zu sein, dass sich das Wetter im Laufe des Nachmittags von Wesen her zu verschlechtern begonnen hat. Möglicherweise wurde schon im Juni die Zwischenlandung erwogen, aber dann versuchte man den anscheinend erfolgreichen Weiterflug. Es begann auch der Föhn zu blasen, was eine Landung in der Reichenau schwierig zu werden versprach.
    Das Wetter besserte sich zwei Tage nicht so recht und es war saukalt mit Schnee auf den Bergen, die Fronleichnamsprozession konnte man absagen. Es gab Unwetter rundherum.

    Trivia: Die französisch-rumänische CIDNA, die die Linie Paris-Bukarest via Innsbruck 1925 beflog, verwendete zeitweise eine große Caudron C.61, die nur minimal kleiner war als die Farman Goliath. Ihre drei Motoren lieferten in der Summe deutlich weniger Leistung als die beiden Motoren der Farman, war aber deswegen nicht langsamer (160 kmh).

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