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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Tatort St. Nikolaus

Tatort St. Nikolaus

Die Faszination der True Crime Reportagen, und diesen nachfolgende Romane, Filme und Podcasts erreichte in Wellenform jede Generation der letzten 250 Jahre in unterschiedlicher Intensität. Im Jahr 1974, von dem wir hier berichten, war die Kriminalitätsrate in St. Nikolaus auf einen neuen Höchststand geklettert. Die Gehsteige waren übersät mit Opfern von Gewaltverbrechen, aus jedem zweiten Fenster drang das Wehklagen von Witwen und Waisen auf die menschenleeren Straßen des völlig unter der Kontrolle lokaler gewalttätiger Gangs stehenden Ortsteils mit dem dereinst klingenden Namen. Die korrupte Polizei hatte das Viertel seit Jahren nicht mehr betreten und profitierte in den höheren Rängen von schönen Geschenken des Koatlackler-Mobs. Die Politik sah weg und ignorierte die unhaltbaren Zustände. Ein Kokshändler aus der Innstraße lieferte, was immer die Kunden bestellten. In den Tageszeitungen erscheinen keine Berichte, da sich die Journalisten vor Racheaktionen fürchteten. Es herrschte das Gesetz des Schweigens. Zum Glück haben sich in privaten Schubladen Dokumente erhalten, die uns vom Leben und Sterben in dieser dunklen Zeit berichten.

Frau K. (Name der Redaktion bekannt) schreckte um kurz vor 22 Uhr aus ihrem True-Crime-Traum auf, weil sie wieder einmal beim sonntäglichen Fernsehkrimi eingeschlafen war und zwar früh genug, um die bis dahin heiß ersehnte Auflösung verpasst zu haben. Dabei war an diesem 20.1.1974 jene legendäre Folge zu sehen, die bis heute (!) mit 76% der Fernsehzuschauer die größte Reichweite in Deutschland überhaupt erreicht hat. Wie war das eigentlich in den 1970ern – kamen die Folgen auch immer in ORF und ARD gleichzeitig? Man kann dem Tatort vieles nachsagen, aber nicht dass er keinen treuen Fans hat und schlecht online dokumentiert ist. Hier auf tatort-fans.de können Sie deshalb auch Bilder (warning: graphic images) aus genau dieser Kieler Folge mit Klaus Schwarzkopf sehen.


Mit den besten Absichten startete Frau K. ihre Abendplanung für den 17. Februar 1974. Mit der Doppelnennung „Fernsehn, Fernsehn“ drückte sie in prosaischer Alltagslyrik aus, was heute noch viele Freundinnen des Autors dieser Zeilen für den Sonntag Abend empfinden. Dieses Mal war die Folge aus Frankfurt viel zu spannend, um einzuschlafen. Eine todsichere Sache.


Der Kalender aus der Sammlung von Markus Wilhelm beschreibt in sehr kurzen Codes das zum Glück doch nicht so schlimme Leben in Enterbach. Nicht alle dieser teils auch nach Erledigung wieder ausgekritzelten Termine können wir ganz genau zuordnen. Friseur – OK, aber welcher? Wäsche: die eigene? Eine Theaterprobe, bei welcher Kompanie? Frau K. hatte eine starke Verbindung nach Italien und notierte übers Jahr Zugabfahrts- und Ankunftszeiten nach und von Bozen, Bologna, Venedig und Riccione.

Am Sonntag, den 17. März 1974 verpasste die Kalenderchronistin den Tatort Playback oder die Show geht weiter aus Stuttgart weil sie ins benachbarte „Zentrum 107“ ging um, ein Jahr nach dem Yom-Kippur-Krieg, Israelische Kulturfilme anzuschauen.


Offenbar eignet sich der Tatort-Rhythmus zur Strukturierung anderer häuslicher Gewohnheiten und Pflichten. Zunächst dache ich beim Seitenkommentar an eine Erinnerung, für Sonntag eine ENTE einzukaufen. Tatsächlich hat Frau K. offenbar immer an diesen Wochenenden den Kühlschrank ENTEIST. Am 28. April 1974 kam Acht Jahre später, ein Essen-Krimi mit Hansjörg Felmy als Kommissar.


Wie genau Frau K. ihren Tages- und Wochenablauf gestaltete, kann aus den Kalendernotizen nur grob geschlussfolgert werden. Wer allerdings unter der Woche vormittags zum Friseur oder ins Munding gehen konnte, dürfte jedenfalls keiner klassischen Angestellten-Tätigkeit nachgegangen sein.
Am 29. September 1974 lief die Tatort-Folge „Gefährliche Wanzen„, in der (wieder Stuttgart) auch ein gewisser Claus Theo Gärtner, später der Matula, eine Nebenrolle verkörperte.


Untreue ist nicht selten ein Motiv der Mörder im Tatort. Solche wollen wir Frau K. aber nicht unterstellen, als sie sich für den 3. November 1974 die weltweit erst zweite Ausstrahlung der später 284 Folgen langen Serie „Derrech“ einschreibt.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

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