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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Richard Steidle (XXXII.)

Richard Steidle (XXXII.)

In Anbetracht des Sturmes in der Presse, den Steidles Interview ausgelöst hatte, gab eine Stimme, die allein durch ihr Fehlen auf sich aufmerksam machte: Die Regierung. Weder die Regierung selbst noch die ihr nahestehende Zeitung, die Reichspost (in deren Trägerverein Seipl außerhalb seiner Amtszeit den Vorsitz führte), äußerten sich zu den Drohungen Steidles. Während kommunistische und sozialdemokratische Blätter Alarm schlugen, die liberale Presse Entrüstung zeigte und selbst der konservative Landbund Kritik übte, war es aus dieser Ecke gänzlich still. Dieses Schweigen führte seitens der linken Presse rasch zu Verdächtigungen, dass die Regierung mit Steidle sympathisierte. Wäre es den christlich-sozialen nicht recht, wenn die Heimwehr die sozialdemokratische Opposition aus der Welt schaffen würde? War der Prälat ohne Milde unter einer Decke mit dem Heimwehrführer?

Spekulationen dieser Art waren verbreitet, gründeten sich aber nicht auf mehr als das auffällige Schweigen der Regierung. Dieses mag auch daher gerührt haben, dass die Heimwehr zu jener Zeit eine einflussreiche und potentiell gefährliche Organisation darstellte, mit der Seipel keine offene Konfrontation riskieren wollte. Zwar war die Nähe zwischen der Heimwehr und der christlich-sozialen Partei schwer zu bestreiten, gleichzeitig pochte Steidle aber stets auf die politische Unabhängigkeit der Organisation und sparte nicht mit Kritik an der Regierung.

Das gespannte Verhältnis innerhalb des konservativen Lagers zeigte sich auch in den widersprüchlichen Aussagen vom Landbund. Wie bereits erwähnt wurde in der Presse über Kritik seitens des Landbundes an Steidle berichtet. Ende August erschien jedoch in der Reichspost eine Stellungnahme des Landbundes, die festhielt, dass sich die Parteileitung mit „den Äußerungen Dr. Steidles offiziell noch nicht beschäftigt hat“. Gleichzeitig enthielt aber auch diese Mitteilung einen Seitenhieb auf Steidle, da sie festhielt, „dass die weitgehenden Erklärungen des Herrn Dr. Steidle selbst von der Leitung des Heimatschutzes anscheinend nicht gedeckt werden.“

Neben Steidles Worten zu einem möglichen „Einschreiten“ erregte auch seine Ankündigung einer Heimwehrveranstaltung im Oktober des Jahres Aufsehen. Er gab keine konkreten Informationen preis, aber gerade eben dass er sich auf Nachfrage weigerte mehr dazu zu sagen, schürte Spekulationen. Tatsächlich war es letztlich nur eine Großkundgebung der Heimwehr in Wiener Neustadt, die, obwohl sie einem noch größeren Aufgebot des Schutzbundes gegenüberstand, friedlich und ohne Zwischenfälle verlief. Steidles Rede zu diesem Anlass war allerdings wieder der Auslöser heftiger Debatten in der Presse. Grund dafür war eine Passage, die viele konservative Blätter nicht abgedruckt hatten:

Wir, die Nachkommen freigeborener deutscher Bauern – auch der deutsche Industriearbeiter stammt daher – brauchen keine Belehrung und Vorschriften über die Begriffe Freiheit und Demokratie von Leuten, deren Großväter in den östlichen Ländern den Gutsbesitzern den dreckigen Jagdstiefel geküsst haben.

Es war nicht die erste antisemitische Bemerkung, die Steidle in seinen Reden hatte fallen lassen, aber mittlerweile war er deutlich prominenter als zu Beginn seiner politischen Karriere am Ende des Ersten Weltkrieges. Kurz zuvor hatte er erneut jegliche Antisemitismus-Vorwürfe entschieden zurückgewiesen und erklärt, dass die Heimwehr eine explizit überkonfessionelle Organisation sei, der jeder Freund sei, der für Ordnung im Staate eintrat. Die sozialdemokratischen Zeitungen kritisierten Steidle für seine Äußerung, und die konservative Presse für die Unterschlagung beim Abdruck seiner Rede. Der eiserne Besen, ein Wochenblatt des Antisemitenbundes aus Salzburg, hingegen frohlockte: „Jetzt aber hat sich Herr Steidle vor aller Welt als Gegner der Juden bekannt.“

(Parade der Heimwehr am Rennweg, November 1929, Signatur Ph-A-15782)

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