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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Richard Steidle (XXVIII.)

Richard Steidle (XXVIII.)

Zu Beginn des Jahres 1928 plagten Steidle Sorgen, dass die christlich-soziale Partei eine Koalition mit den Sozialdemokraten eingehen könnte. Er sah darin eine Gefährdung der Position, welche die Heimwehr durch die Ereignisse nach dem Justizpalastbrand errungen hatte. Es gab viele Spekulationen um eine solche Koalition in den Zeitungen, wie realistisch sie waren, darf bezweifelt werden. Von dem polarisierten politischen Klima abgesehen, hatten die Christlich-Sozialen im Mai 1927 eine neue Regierung mit Landbund und den Großdeutschen gebildet, es war das fünfte Kabinett unter der Leitung von Ignaz Seipel (1976–1932). Es gab aber auch Gerüchte über parteiinterne Machtkämpfe, durch die Seipel angeblich gestürzt und anschließend eine Koalition mit den Sozialdemokraten eingegangen werden sollte.

Indes begann die Heimwehr, neue Wege des Marketings zu beschreiten. Am 30. Januar 1928 wurde in Graz erstmals ein „Werbefilm“ für die Heimatwehr aufgeführt. Der Film, betitelt „Heimatschutz“ (hier wohl keine Punkte für Kreativität) war von Bruno Lötsch (1902–1982) Ende des Vorjahres gedreht worden. Das Grazer Tagblatt beschrieb das Werk folgendermaßen: „Ein Propagandafilm der Heimatliebe und der Heimattreue. Kein politischer Film.“ Wirkt schon diese Formulierung leicht kurios, so wurde die Behauptung der politischen Neutralität des Filmes durch die folgende Beschreibung des Inhalts noch bizarrer:

Er führt in die sonnige Alpenwelt hinaus, auf den steirischen Acker, den der Pflug durchfurcht, in die Bahnhöfe, wo die Lokomotiven ihr Reiselied singen, in die Industriestätten, wo die Maschinen stampfen. Das Orchester der Arbeit klingt und braust. Plötzlich stehen alle Räder still. Streik. Nun hat die Stunde der Heimattreuen geschlagen. Und wieder fahren die Lokomotiven, wieder stampfen die Maschinen. Der starke Arm des Heimatschützers hat sie in Bewegung gesetzt. Der 15. Juli verzehnfacht, verhundertfacht die Zahl derer, die die Heimat lieben. Sie halten getreue Wacht. Ein Hornruf erschallt. Und schon stehen alle bereit: der greise Bauer, der Arbeiter, der Jungmann. In Bruck marschieren sie auf, tausende, zehntausende. Scharen sich begeistert um ihre Führer [hier kam natürlich auch Steidle im Film vor]. Und immer größer wird die Zahl, und die Arme, die sich auch zu Fäusten ballen können, werden immer stärker…

Hier reibt man sich dann schon fast die Augen, wenn man weiter oben noch einmal „kein politischer Film“ liest. Die Behauptung ist ja umso bizarrer als ein politischer Film ja nicht an sich etwas Schlechtes sein muss. Ebenso wenig politische Werbung, solange sie keine Fakten verdreht. Insofern fragt man sich auch, weshalb man auf dieser offensichtlichen Lüge beharrte.

Die Beschreibung des Filmes nimmt übrigens auch bewusst Bezug auf das Bundeslied, die alte Hymne der Arbeiterbewegung aus dem Jahr 1863, in der es heißt: „Mann der Arbeit aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ Noch ein völlig unpolitischer Aspekt dieses gänzlich unpolitischen Filmes.

(Heimwehr-Kundgebung vor der Johanneskirche am Innrain 1928 – vielleicht auch eine völlig unpolitische Versammlung von ähnlich gesinnten Bürgern mit Stahlhelm. Signatur Ph-29946)

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