Richard Steidle (XXV.)
Zwei Wochen nach den Feierlichkeiten anlässlich des 80. Geburtstags des Deutschen Reichspräsidenten, fand eine Tagung der Heimwehr in Baden bei Wien statt. Der wichtigste Redner war, wie nicht anders zu erwarten, Richard Steidle. In seiner Ansprache legte er seine Sicht auf die politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte dar.
Betrachten wir einmal die Lage losgelöst von allen Eintagsfragen und Nebenerscheinungen, von einem höheren an geschichtliche Erfahrungen angepassten Standpunkte ans, so können wir sagen, dass auch die Auseinandersetzung zwischen dem Austromarxismus und seinen Gegnern nicht Neues ist. Revolutionäre Bewegungen, die sozialen Umschichtungen entspringen, haben immer einen Druck oder soziale Versäumnisse der gerade herrschenden Kreise zur Voraussetzung gehabt. Auch in Österreich hat die fortschreitende Industrialisierung Bevölkerungsschichten geschaffen, die sich ihr gutes Recht auf angemessene Lebensbedingungen häufig genug erst im politischen und gewerkschaftlichen Kampfe holen mussten, weil große Teile des sogenannten Bürgertums nicht die Einsicht aufbrachten, den Notwendigkeiten einer neuen Zeitepoche aus freien Stücken Rechnung zu tragen. Mit den unerfreulichen Erscheinungen der heutigen Zeit büßen wir zum größten Teil die Sünden unserer Väter. Derartige sozial-revolutionäre Bewegungen haben aber das Gemeinsame, dass sie im Falle des Erfolges gewöhnlich über das Ziel schießen. Aus den Freiheitskämpfern werden selbst Tyrannen, die dann wieder denselben Fehler begehen, den sie ihren Gegnern vorgeworfen haben und die sie wegen der Tyrannei und Unterdrückung bekämpften. Sie rufen damit selbst wieder naturnotwendig eine Gegenbewegung hervor, die ihrerseits, wenn sie richtig geleitet ist, ein gesellschaftliches Gleichgewicht schafft ober, wenn sie von unsozialen Leidenschaften beherrscht ist, ebenso ihre Bahn überschreiten und einen neuen Kreislauf von Verwicklungen Hervorrufen wird. Auch bei uns haben die führenden Kreise, die sich an die Spitze der kämpfenden Arbeiterschaft schwangen, aus den geschichtlichen Erfahrungen nichts gelernt und Übergriff auf Übergriff gehäuft. Sie machten das, was sie an dem bekämpften „Bourgeois“ bitter verdammten, in vergröbertem Stile nach, sie schickten sich an, die Herrschaft im Staate mit Hilfe der von ihnen geführten Massen zu ergreifen und die Diktatur einer Klasse mit allen Mitteln, auch denen der Gewalt, die sie in anderen Händen mit glühenden Worten verurteilten, allen anderen Gesellschaftskreisen aufzuzwingen. Aus den Freiheitskämpfern entwickelten sich ausgewachsene Tyrannen kleineren oder größeren Formats, je nach Charakter, Herkunft und Fähigkeit. Der Appetit wuchs täglich mit dem Essen.
Und es hatte den Anschein, als ob gerade die österreichische Bevölkerung das geeignetste Versuchskaninchen für solche Diktaturgelüste abgeben würde. Es schien, als ob im besonderen das österreichische Bürgertum von Natur aus bestimmt sei, in Unterwürfigkeit und Lakaiendemut die Experimente der machthungrigen sozialistischen Führer über sich ergehen zu lassen und Österreich zu einem Musterbetrieb sozialistischer Regierungskünste ausbauen zu lassen. Aber der immer mehr steigende Übermut der unersättlichen roten Führerschaft erweckte den Unabhängigkeitssinn, das natürliche Freiheitsgefühl und die gesunden demokratischen Instinkte weiter Bevölkerungsschichten. Und als die unentwegte sozialistische Verhetzung am 15. Juli 1927 die lodernde Brandfackel in die Bundeshauptstadt schleuderte, ging ein vollständiges Erwachen durch die gesund gebliebenen Teile Österreichs. Die Abwehr der marxistischen Übergriffe durch Männer, die in der persönlichen und geistigen Freiheit das höchste aller irdischen Güter sehen, ist im Wachsen begriffen: eine Abwehr, die infolge unserer Knebelung durch die unseligen Friedensverträge und den vielfach verfehlten Aufbau unserer unter rotem Druck zustande gekommenen Staatseinrichtungen Formen annehmen musste, wie wir sie bisher in unserem Lande nicht gewohnt waren. Anstelle des mangelnden Staatsschutzes mussten der private Selbstschutz und private Selbsthilfe treten, anstelle der in ihrer Wirksamkeit gehemmten verfassungsmäßigen Körperschaften mussten private Organisationen das Befreiungswerk in die Hand nehmen. Das waren und sind unsere Selbstschutzverbände, unsere Heimatwehren, die tätlich wachsen und sich über alle Gaue des Vaterlandes ausbreiten. Unsere Aufgabe ist klar und einfach. Der auf Gewalt und Terror ausgebauten Herrschgier der roten Diktatoren muss ein Ende gemacht werden. Die Mittel der Abwehr richten sich ganz nach den Methoden des Gegners. An die Stelle der Klassenherrschaft einer einzelnen Bevölkerungsgruppe muss das soziale, das gesellschaftliche Gleichgewicht gesetzt werden, die Volksgemeinschaft. Der Weg dazu geht einerseits über die Abwehr und Beseitigung der roten Gewaltmethoden, andererseits über die Annäherung und Zusammenführung der sich hass erfüllt gegenüberstehenden Volksgenossen, über die Befreiung und Loslösung der verführten Arbeitermassen von ihren Vögten und über die Besinnung auf soziale Gerechtigkeit zum sozialen Interessenausgleich. Die zu diesen Ausgaben in erster Linie Berufenen haben versagt oder wurden in ihrem ehrlichen Wollen, auf friedlichem Wege weiterzukommen, gehindert. So müssen wir es zu schaffen versuchen und um unsere Freiheit, wenn es sein muss, mit der Faust, mit Nägeln und Zähnen kämpfen. Von Frieden und Versöhnung wollen wir aber erst dann reden, wenn der Gegner den ehrlichen Willen, von der Gewaltherrschaft abzulassen, nicht nur mit gleisnerischen [heuchlerischen] Worten, sondern durch die Tat bezeugt. Von einer solchen Tat aber haben wir noch nie etwas gehört.
Hier wird die Eigenwahrnehmung der Heimwehr als eine im wörtlichen Sinn reaktionäre Bewegung besonders deutlich. Dies war auch unter anderem die Folge der großen ideologischen Heterogenität ihrer Mitglieder, die das politische Spektrum von Nationalsozialisten bis hin Christlich-Konservativen abdeckten. Ihr einendes Band war die Opposition gegen den Marxismus. Obwohl Steidle einer der Köpfe war, die sich bemühten, eine ideologische Linie vorzuzeichnen, bleiben die Details meist eher unscharf. Es wird hauptsächlich vom Abwehrkampf gesprochen, über die propagierte Gesellschaftsordnung heißt es lediglich: „An die Stelle der Klassenherrschaft einer einzelnen Bevölkerungsgruppe muss das soziale, das gesellschaftliche Gleichgewicht gesetzt werden, die Volksgemeinschaft.“ Dieses gesellschaftliche Gleichgewicht war aber nach Steidles Ansicht nicht über parlamentarische Demokratie zu erreichen, die er ja so oft kritisierte. Aber die Alternativen dazu blieben nebulös; gefordert wurde die „Annäherung und Zusammenführung der sich hass erfüllt gegenüberstehenden Volksgenossen“ sowie „die Befreiung und Loslösung der verführten Arbeitermassen von ihren Vögten und über die Besinnung auf soziale Gerechtigkeit zum sozialen Interessenausgleich“. Wie diese Harmonie erzielt werden sollte, wurde dabei nicht erklärt – vielleicht weil die Details etwas autoritärer klingen würden, als man es in einer Rede über die Tugenden von Männern „die in der persönlichen und geistigen Freiheit das höchste aller irdischen Güter sehen“ gerne gehört hätte.
(Titelbild: Heimwehrparade in Mariahilf, Signatur Ph-15338)