Richard Steidle (XXIII.)
Im August 1927 gab Steidle erneut einer Münchner Zeitung ein Interview, in welchem er seine Meinung zu den Juli-Ereignissen erläuterte. Es habe sich dabei „nicht einmal um eine Generalprobe“ gehandelt, sondern lediglich „ein Vorspiel“. Steidle war fest davon überzeugt, dass sich die Sozialdemokraten auf den nächsten Zusammenstoß besser vorbereiten würden, und dass die Heimatwehren dementsprechend Schritt halten müssten. Er sah keine Hoffnung auf eine Entspannung der Lage. Die Sozialdemokraten würden weiterhin „Gewalt, parlamentarische Obstruktion und Generalstreiks“ nutzen, um ihre Ziele zu erreichen. Was dem Artikel eine gewisse Ironie verlieh, auch wenn es Steidle wahrscheinlich nicht bewusst war, war seine Antwort auf die Frage, wie die christlich-sozialen auf eine verfassungskonforme Regierungsübernahme der Sozialdemokraten reagieren würde. In diesem Fall müssten „die Länder sich von Wien abkehren“ und die Hauptstadt „isolieren“; möglicherweise wäre auch eine „Aktion“ seitens der Länder erforderlich – man könnte fast sagen, er würde in diesem Fall für Gewalt und Obstruktion plädieren.
Kurz nach diesem Interview erschien im Abend, einer Wiener sozialdemokratischen Zeitung, auf der Titelseite ein Charakterbild, wie wir es schon zu Beginn dieser Serie in der Volkszeitung gesehen haben. Der Anzeiger reagierte darauf mit der Schlagzeile: „Mordhetze des ‚Abend‘ gegen Dr. Steidle – Der gestrige ‚Abend‘ wütet in der wildesten Weise gegen Dr. Steidle und die Heimatwehren. Das Blatt stößt gegen Dr. Steidle geradezu offene Morddrohungen aus“
Der Artikel im Abend war zweifellos alles andere als schmeichelhaft und voll von bissigen Angriffen auf sein Privatleben, aber er enthielt nichts, was man als Morddrohung oder Aufruf zur Gewalt interpretieren könnte. Der Abend behauptete, dass Steidle sich nach Beginn seiner Anwaltskarriere geweigert hatte, seine Mutter zu unterstützten und er erst durch das Gericht gezwungen wurde, ihr 80 Schilling pro Monat zur Verfügung zu stellen. Weiterhin wurde auch die Tatsache ausgeschlachtet, dass Steidle für den Frontdienst 1914 für untauglich erklärt wurde – „eine Reihe von Ärzten mussten sich bemühen, um die vielen Krankheiten zu begutachten, die damals den Dr. Steidle abhielten, das Vaterland mit Einsatz seiner geheiligten Person zu verteidigen“, spottete der Artikel. Zuletzt wurde der bereits in der Volkszeitung erwähnte Fall um die Klage gegen das Holzausfuhr-Monopol des Landes nach dem Krieg wieder ins Feld geführt, um zu zeigen, dass es mit Steidles Patriotismus nicht weit her sei.
Der Anzeiger behauptete in einem folgenden Artikel, dass im Abend gefordert worden sei, dass Steidle „unschädlich“ gemacht werden solle – eine solche Forderung findet sich dort allerdings nicht. Steidle veröffentliche selbst am 22. August in den Innsbrucker Nachrichten eine Antwort auf den Artikel des Abends, der auch in der Volks-Zeitung abgedruckt wurde. Er hielt darin fest, dass er der roten Presse keine Berichtigungen sende, da er sie einer Antwort nicht für würdig erachte, und er nicht en Eindruck erwecken wolle, sich verteidigen zu müssen – daher wolle er auch nicht vor Gericht gegen sie gehen. Erklärungen dieser Art hatte er bereits zu Beginn seiner politischen Karriere herausgegeben, als er erstmals zur Zielscheibe der linken Blätter geworden war. Diesmal endete sie jedoch mit einem ominösen Zusatz, der zuvor nicht vorhanden gewesen war:
Aber ich warne die Beschmutzer meiner Ehre, ihr trauriges Handwerk fortzusetzen, es kommt sonst der Zeitpunkt, wo der roten Niedertracht der Prozess in einer Art gemacht wird, den sie allein verdient.
(Parade der Heimatwehr am Rennweg, Signatur RM-PL-318)