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It’s A First!

It’s a first!

Beim eiligen Durchblättern des Kreutz’schen Bildermeeres zunächst nicht besonders aufgefallen ist dem Autor dieser Zeilen die Aufnahme einer unter Aufsicht der Exekutive und im Beisein eines Kiebitzes am Bildrand gerade ein Wahllokal verlassenden Dreiergruppe. Die Fischergasse 38 ist natürlich die dort 1901 errichtete Volksschule. Die Rückseite verrät (in diesem Fall) nicht viel mehr als das, was wir ohnehin sehen.
Mit der digitalen Lupe kann man sich an das Kundmachungsplakat heranzoomen. Das Datum ist ein Sonntag, der 16. Februar. Das Ungewöhnliche an diesem Tag war: Die beiden erwachsenen Frauen durften zum ersten Mal in ihrem Leben an freien und demokratischen Wahlen teilnehmen. Somit war das der 16. Februar 1919 und so lange hatte es gedauert, bis sich die schon 1907 vollständig wahlberechtigten männlichen Unterthanen des Habsburgerreiches in der gerade einmal seit drei Monaten bestehenden Ersten Republik auf das ungeheure Wagnis einließen, auch die Frauen wählen zu lassen. Wie konnte es nur so weit kommen? Die neu zugelassenen Frauen verschoben die Ergebnisse bundesweit ein wenig zu Gunsten der Sozialdemokratie, aber ganz so stark wie von den beiden anderen Lagern befürchtet war es nicht gekommen.

Das Ergebnis in Innsbruck brachte einen schönen und im Grunde über die Jahrhunderte stabilen Drittelmix aus Volkspartei, Deutsch-Freiheitlichen und „Sozi“ (so nannte sie der konservative Tiroler Anzeiger). Die hier affichierten Wiltener Sprengel waren stark Deutsch-Freiheitlich dominiert:
Sprengel 42: D-F 333/S-D 159/V-P 101
Sprengel 43: D-F 226/S-D 108/V-P 99

Die Wahlanalysen der Parteizetungen spekulieren, mit welchen Tricks die anderen Gruppen gearbeitet haben könnten, um das Ergebnis zu ihren Gunsten zu beeinflussen. So sollen laut sozialdemokratischer Volks-Zeitung die Dienstmägde von ihren bürgerlichen Herrinnen gezwungen worden sein, Volkspartei zu wählen. Die liberalen Innsbrucker Nachrichten wundern sich, dass die Patient*innen der Klinik rein Schwarz gewählt haben und wollen nicht recht glauben dass Konservative sich öfter verletzen oder krank werden als andere Wählergruppen. Der konservative „Tiroler Anzeiger“ beklagt den schlechten Umgangston im Wahlkampf und glaubt, die Volkspartei sei für die Fehler der Habsburgermonarchie abgestraft worden. Die Teilnahme der Frauen wird nicht besonders thematisiert oder ausdrücklich begrüßt. In allen Lagern.

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