In Richards Müllerversum IV
Das Pferd wird seinen Weg finden. Immer den Äpfeln der Kolleg:innen nach. Der Gaul ist im freundlichsten Fall als klapprig zu bezeichnen, wahrscheinlich hungrig wie halb Innsbruck zum Zeitpunkt der Aufnahme aus Richard Müllers urbanem Bilderblog. Haben Sie das Haus erkannt? Es sieht heute fast noch ganz genauso aus und steht, wie das bei Immobilien so der Fall ist, unbeirrt an Ort und Stelle. So wie der Klepper, dessen Last nicht sehr groß war, vielleicht ein 50-Kilo-Sack Braunkohle oder eine Ladung Tschick für die Trafikantin und Gemischte-Seifen-Waren Händlerin Minna Rode, die heute in Innsbruck getrost als praktisch vergessen bezeichnet werden kann.
Minna Rode stammte aus Vorarlberg und trug, wie viele dort in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts geborene Menschen, zunächst einen italienischen Nachnamen. Sie war 1884 in Braz als uneheliche Tochter der Filomena Borzaga ebenfalls als Filomena Borzaga geboren worden und starb als Filomena Hofmann 1967 in Innsbruck. Sie war zunächst mit Paul Rode verheiratet gewesen, der 1920 in Laibach verstorben ist; Witwe Filomena/Philomena, genannt Minna, bekam 1924 in Innsbruck das Heimatrecht. Auf dem Heimatschein wird sie als Trafikantin bezeichnet, ihren Laden hat sie wahrscheinlich nur 1924 bis 1926 an dieser Adresse betrieben; heute ist der Eingang recht plump versiegelt, wie bei so vielen ebenerdigen Geschäftslokalen in Wilten wurde irgendwann eine Wohnung daraus. Gut für die Mieter:innen, schlecht für die urbane Infrastruktur.
In diesem Haus hat in den 2000er Jahren ein stadtbekannter Buchbinder gewohnt, der, von phänomenaler Gastfreundschaft beseelt, jeden Mittwoch vormittags den Ein-Mann-Betrieb geschlossen hielt, um in seiner Wohnung für eine große Tafel Freund:innen zu Mittag zu kochen. Da kamen dann manchmal vierzehn, oft auch mehr hungrige Mittdreißiger:innen zusammen und bekamen vom Gastgeber mindestens drei Gänge fantastischer Speisen aufgetischt. Der Küchenchef blieb, wie man sich vorstellen kann, bis zur Nachspeise ohne eine freie Minute. Die Bekochten waren gut gelaunt und saßen, bis die letzte Stadtanekdote erzählt und der allerletzte Topf leer gegessen war. Assistenz beim Aufdecken war geduldet, Mithilfe beim Abwasch oder gar eine Kostenbeteiligung lehnte der Hausherr kategorisch ab. Wer einmal dabei war, wollte immer wieder kommen; im Rückblick damals ein prägendes Erlebnis und heute eine wunderbare Erinnerung für alle zu diesem Tisch Geladenen.
(RM-PL-3834)
D i e s e Puppenköpfchen kenn ich! – einige davon sind erhalten geblieben nach dem Krieg! – an den beiden Eckhäusern der Neuhauserstraße – Stafflerstraße. Süß, gell. Unwillkürlich denkt man dabei an Fin de Siècle, Herren in Frack und Zylinder, Damen mit hochgesteckter Frisur, eine Schleppe am figurbetonenden Seidenkleid, den Fächer stets zur Hand – kurzum an Strauß – Operetten….
Mit dem „versiegelten“ Haus ist wahrscheinlich das südliche Eckhaus Neuhauserstraße / Stafflerstraße gemeint, dessen Tür man einfach zugemauert hat, Gegenüber an der anderen Ecke steht in Blau ein identisches Haus, bei dem die Tür samt dem großen Schaufenster noch erhalten ist. Auch das Nachbarhaus Neuhauserstr. 4 steht noch in seiner ganzen Pracht wie sie Richard Müller fotografiert hat.
Das Design scheint beliebt gewesen zu sein, die Häuser haben (mindestens) einen ebenfalls erhaltenen Drilling an der Ecke Schöpfstraße / Andreas Hofer Straße, da, wo jahrelang die Sparkasse ihre Filiale hatte. Allerdings ist – wie bei Banken üblich – die Architektur brutaler zerstört worden. Gabs noch ein viertes Puppenkopfhaus? Oder ein siebenundzwanzigstes?
Stimmt Herr Hirsch, ich habe auf Street View schlampig geschaut. Hier auf Neuhauserstraße Nummer 6 (blaues Haus) ist der Eckladen noch unverändert, gegenüber auf Haus Stafflerstraße 1 (gelbes Zwillingshaus) ist er eben weg.