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From Stanley To Emma

From Stanley to Emma

Hinter diesem eher unscheinbaren Portrait verbirgt sich eine heute weitgehend in Vergessenheit geratene Episode aus der Tiroler Geschichte. Aber der Reihe nach. Auf der Rückseite dieser Aufnahme findet sich eine handschriftliche Widmung:

From Stanley to Emma.
In Rememberance of my stay in Imst Stanley

Zumindest die „Knopfologen“ unter Ihnen haben sicherlich gleich bemerkt, dass es sich bei Stanley um einen britischen Soldaten handeln muss. Und sie haben auch die drei Buchstaben „HAC“ auf den Schulterstücken erkannt. Demnach gehörte Stanley der Honourable Artillery Company (HAC) und damit einem berühmten Londoner Regiment an.

Doch was macht „unser“ Stanley unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Imst? Gute Frage! Nach der verheerenden Niederlage der italienischen Armee in der 12. Isonzoschlacht (Herbst 1917) forderte Rom von seinen Verbündeten Unterstützung an. Daraufhin wurden französische, US-amerikanische und britische Truppen an die Südwestfront verlegt. Im November 1918 ging der Krieg zu Ende und neben den italienischen Truppen rückte auch eine Handvoll britischer Soldaten, genauer gesagt ein Bataillon der Honourable Artillery Company, in Tirol ein. Ihr Ziel war Imst.

Britische Soldaten in Imst 1918/19.

Der Allgemeine Tiroler Anzeiger berichtete am 10. Dezember 1918 ausführlich (und sparte dabei nicht mit Stereotypen) über die Anwesenheit der Engländer:

Oft genug blickte Tirol im beschaulichen Frie­den von einst hinüber in die Schweiz, dem ‚Hotel Europas“, und beneidete das rührige Nachbar­land um die Menge von Fremden, die es auch im strengsten Winter belebte. Heuer braucht sich in dieser Beziehung Tirol nicht zu beklagen: es wimmelt in unseren Tälern von Fremden, und nun sind auch die einst, ach, so ersehnten Engländer gekommen und gleich in Kompaniestärke. Wir hatten uns den Besuch allerdings in etwas anderer Weise ge­wünscht: aber wir müssen gestehen, daß sich die Fremden, selbst als ungebetene Gäste, tadellos und liebenswürdig benehmen. Ein Ausflug nach Imst zahlt sich aus. Schon auf dem Bahnhof erhält das Leben sein Gepräge durch die hochgewachsenen schlanken Boys in ihren praktischen Khakiuniformen – oben in Imst aber ist alles voll von englischen Soldaten. Es ist wie ein Anschaungsunterricht in der Volkskunde: nebeneinander die kleinen, aber stämmigen Alpini, rabenschwarz von Haar, mit dunklen ausdrucksvollen Augen, edel geformten Adlernasen – und daneben die wasseräugigen, hellen, stupsnäsigen Engländer. Die Italiener haben alle etwas Leidenschaftliches, Pathetisches an sich, die Engländer etwas harmlos Selbstver­ständliches, kühl Gelassenes, aber natürlich Heiteres. Blickt man dem Engländer ins Gesicht, fängt er gleich zu lachen an und versucht ein Gespräch anzuknüpfen. Es sind durchwegs echte Großstadtkinder, Londoner; mit Stolz nennen sie ihr Londoner Infanterieregiment: unter ihnen eine kleine Abteilung Artillerie, gekennzeichnet durch die Buchstaben H. A. C., Hounorably Artillery Company. Viele verstehen Italienisch; denn sie sind schon seit einem Jahre im Verbande der Italiener, sie kämpften zuerst au der Piave, am Montello, zuletzt bei Asiago. Die Italiener selbst sprechen mit Respekt von den Leistungen ihrer Freunde in Khaki, aber die reine Liebe scheint zwischen den Alliierten doch nicht zu herrschen. Die Formen des Verkehres sind aber tadellos, – beinahe so tadellos wie die Formen des Verkehrs mit der einheimischen Be­völkerung. Man muß aber den Dienstbetrieb der Eng­länder beobachtet haben, wenn man wissen will, was Militarismus eigentlich ist. So heiter und harmlos die langen Kerle außer Dienst sind, so ernst und strenge sind sie gegen sich selbst im Dienst. Die Wachabteilung wird auf dem Stadt­ platz visitiert. Die Truppe steht im klirrenden Schnee; sie hat lange zu warten, bis der inspi­zierende Hauptmann mit seines Gefolge von Leutnant und Fähnrich erscheint. Eine sehnige, typische Sporrgestalt, lässig in den Bewegungen, und doch schärfstes Training in jeder Bewegung verratend: so tritt der Offizier vor die Mann­schaft. Ein kurzes, schneidiges Kommando, die Truppe steht, wie aus Erz gegossen, haarscharf ausgerichtet. Der Offizier schreitet die Front ab, Schritt vor Schritt, mit unbeweglichem Antlitz prüft er jeden einzelnen Mann bis in die kleinste Einzelheit; der Sitz der Mütze, ein Fleckchen auf einem Knopf, nichts entgeht dem durchbohrenden Blick. Nun wird die Front von rückwärts abgeschritten, die Tornister visitiert, zum Schluß das Gewehr. Bajonett auf! Der Unteroffizier vor der Front gibt mit erhobener Hand das Zeichen – ein Griff – der alte Kaisersäger neben mir kann seine Hochachtung vor diesem Drill nicht verbergen! Vor dem „Hotel Post“, vor dem „Eggerbräu“, vor dem „Goldenen Lamm“ stehen Posten: dort ein Engländer allein, hier zur einen Seite des Tores ein Engländer, zur anderen Seite ein Italiener von den Alpini. Von Ferne naht ein Offizier. Der Italiener präsentiert kurz und stramm wie dies bei uns üblich ist. Ganz anders der Engländer: er springt einen Schritt nach vor, reißt das Gewehr von der Schulter, hält es vor sich hin, schlägt mit der Hand darüber, daß es nur so knallt, wieder herunter, springt zurück, die Beine ruckartig auseinander – ein Ballett, wie es die langen Kerle des großen Kurfürsten in Potsdam auszuführen hatten. Der Offizier, dem die Ehrenbezeugung erwiesen wird, ist schon zehn Schritte vorbei, bis der Mann mit seinen Tempos fertig ist; und er führt sie mit tadellosester Präzision aus, daß man glaubt, eine Drahtpuppe gehorcht einem inneren Uhrwerk. Ein Gamaschendienst und ein Drill, wie ihn weder wir, und nicht einmal preußische Garderegimenter gekannt haben. So sieht die Niederwerfung des „Militarismus“ aus! Die Engländer fühlen sich bei uns wohl. Sie machen kein Hehl daraus, daß ihnen Tirol besser als Italien gefällt: es ist hier vor allem reiner als in Italien, dem Lande ohne …. Klosetts. Die Oesterreicher sind ihnen sympathisch, trotzdem wir ihnen an der Südfront genug zu schaffen machten, – aber umso peinlicher unterscheidet der einfache Mann zwischen dem Oesterreicher und dem „German“ im Reiche, – der ist ihm auch heute noch unverändert „the Hun“. Mit hellem Neid bewundern unsere bescheide­nen Heimkehrer die Ausrüstung der Engländer. Welches Riemenzeug! Ueber den Uniformen aus prachtvoller Wolle tragen sie statt eines Mantels ärmellose Lederüberwesten, mit Pelz gefüttert. Wie armselig und minderwertig mußten wir unsere braven Soldaten ins Feld schicken! Und dennoch boten sie einem übermächtigen Feind und auch diesen Engländern durch länger als vier Jahre Trotz. Es war ein vergebliches, aussichts­loses Beginnen; die Männer, die unsere Völker verbluten ließen, haben sich die Hölle verdient; aber das, was der einzelne Mann tatsächlich in diesem Kriege unter unsäglichen Entbehrungen geleistet hat, bleibt beispiellos für alle Zeiten. Beispiellos aber für alle Zeiten ist leider auch der Umschwung, der sich binnen wenigen Stunden vollzog – der Umschwung, der unsere Helden selbst ihr Heldentum über Nacht vergessen, ver­achten lehrte. „Sind wir froh, daß wir nicht ge­siegt haben, sonst tät bei jeder Dachlukn ein Offizier rausschauen!“ meint da einer und weiß nicht mehr, daß er selbst auf seiner Brust die gol­dene Tapferkeitsmedaille hängen hat. Wie ent­setzlich sinnlos und aufreizend hat man hier mit Edelvölkern als „Material“ gewirtschaftet, hei­ligste Güter vergeudet und mutwillig zerstört und so einen Zusammenbruch herbeigesührt, der nicht bloß einen uralten Staat vernichtet, sondern zu­ gleich Millionen von Menschen innerlich geknickt hat!

 

Natürlich wurde auch fleißig Fußball gespielt und einige, wagemutige versuchten sich auch als Skifahrer.

Im April 1919 zogen sich schließlich die englischen Soldaten aufgrund der schwierigen Nachschubverhältnisse aus Tirol zurück…

Mehr über die britischen Truppen in Tirol erfahren Sie hier.

(StAI, Nachlass Prof. Franz Prichner)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Hab im Imster Taufbuch zwischen 1890 bis 1902 keinen Täufling namens Emma gefunden. Auch keine Emma als uneheliche Mutter im Zeitraum 1919 bis 1920 ( man kann ja nie wissen…). Die besagte Emma könnte Magd von außerhalb gewesen sein. Viel geweint wird sie haben vor Liebeskummer. Bleibt zu hoffen, dass sie nicht auch noch Angehörige betrauern musste wie viele in dieser Zeit.

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