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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Exil In Igls

Exil in Igls

Die Arbeit lauert immer und überall. Selbst dann, wenn man sich den Feierabend bzw. die Hausarbeit mit einer Netflix-Serie versüßen will.

So geschehen, dieser Tage bei mir zu Hause am Beispiel von „Bonn – Alte Freunde, neue Feinde“. Die sechsteilige ARD-Miniserie spielt im Deutschland Anfang der 1950er-Jahre. Eine junge Frau kehrt von einem Sprachaufenthalt in London zurück und nimmt, anstatt im Geschäft ihres Verlobten mitzuhelfen uns sich in die ihr zugedachte Rolle als künftige Ehefrau und Mutter zu fügen, eine Stelle als Fremdsprachensekretärin an. Über Vermittlung landet sie bei der Organisation Gehlen, dem Auslandsgeheimdienst und Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND). Zufällig trifft sie dann auf Otto John vom Bundesamt für Verfassungsschutz, den sie in England kennengelernt hatte und landet mitten im Kalten Krieg…

Ich kann es dann halt doch nicht lassen, bei historischen Serien die erwähnten Personen und Ereignisse zu googeln, um den Wahrheitsgehalt zu überprüfen und etwas mehr über die Hintergründe zu erfahren. Berufskrankheit wahrscheinlich. Plötzlich stach mir „Innsbruck“ und „Igls“ in die Augen. Vorbei war es mit dem Fernsehabend, hinein gings in weitere Internetrecherchen.

Sagt Ihnen der „Fall John“ etwas? Der Jurist und Widerstandskämpfer Otto John (1909-1997) wurde 1951 zum ersten Präsident des neu geschaffenen Bundesamts für Verfassungsschutz und wandte sich mit wenig Erfolg gegen die Übernahme von hochrangigen Nationalsozialisten – etwa Reinhard Gehlen – in den Bundesdienst. Am 10. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944, an dessen Vorbereitungen er selbst beteiligt gewesen war, verschwand John nach einer Gedenkfeier in Westberlin unter ungeklärten Umständen. Drei Wochen später tauchte er in der DDR wieder auf und kritisierte öffentlich die Remilitarisierung und Renazifizierung der Bundesrepublik unter Adenauers, womit er einen der ersten großen politischen Skandale der deutsch-deutschen Nachkriegszeit auslöste. Nachdem John sich im Dezember 1955 mit Hilfe eines dänischen Journalisten in den Westen absetzte, wurde er dort wegen Landesverrats zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, jedoch nach zwei Jahren begnadigt. Hier ein Beitrag der SZ, der 2023 anlässlich der Ausstrahlung von „Bonn“ erschien. Der wikipedia-Artikel über Otto John verlinkt zahlreiche weitere Hinweise auf Fachliteratur zu diesem Fall und seinen jahrzehntelangen Nachwirkungen.

Damit aber zur Lokalgeschichte: Otto John zog 1962 in die Hohenburg nach Igls. Laut eines Spiegel-Berichts aus dem Jahr 1964 hatte seine Frau – die jüdischen Opernsängerin und Gesangspädagogin Lucie Manén (1899-1991) – den Ansitz angemietet, den ihr Mann nun renovierte. „Für seinen Freund, den Hohenzollern-Primus Louis Ferdinand, holte er einige der – bis dahin als Feindvermögen konfiszierten – Kostbarkeiten des letzten deutschen Kaisers aus Holland zurück. Mit dem Honorar kaufte er Holz, aus dem er Türen und Schränke für die Tiroler Burg schreinerte. Die meiste Zeit aber fahndete John nach Zeugen, die ihm helfen sollten, die Wiederaufnahme seines Verfahrens zu betreiben.“

Der Kampf um seine Rehabilitation beschäftigte John Zeit seines Lebens. Er sei nicht in die DDR übergelaufen, sondern vom KGB entführt und zu den Aussagen gegen die BRD gezwungen worden, lautete seine Version. Seinen „Kampf um den guten Namen“ schilderte er 40 Jahre nach seinem Verschwinden auch dem TT-Journalisten Alexander Huss (TT, 3./4.9.1994, Wochenmagazin S. III). Es ist dies einer von nur zwei Treffern, die man in unserem Bibliothekskatalog zu Otto John findet. Der andere stammt aus dem Jahr 1986, als Richard von Weizsäcker ihm gnadenhalber einen Unterhalt zusprach (TT, 30.7.1988, S. 4).

Das war zwar nicht die angestrebte Begnadigung, für den Alltag aber wohl nicht ganz unwichtig. Geld war ein beherrschendes Thema, als der Journalist und Schriftsteller Ben Witter 1973 Otto John besuchte und im eindrücklichen Gesprächsprotokoll „Der Agent hinter den Bergen“ verarbeitete (Die Zeit, 12.10.1973). Nach seinem Lebensunterhalt gefragt, antwortete John: „In der New York Times stand gerade ein Artikel von mir über Generäle, 150 Dollar bekam ich dafür. Und ich schreibe auch Drehbücher für österreichische Heimatfilme. Ich lebe von der Hand in den Mund.“ Zahlreichen Leuten habe er früher finanziell ausgeholfen, klagte John, aber jetzt wolle niemand mehr etwas von ihm wissen. „Und wenn Ihre Frau vor Ihnen sterben sollte? Ist sie nicht älter als Sie?“, fragte Witter ziemlich direkt. „Dann geh’ ich in den Wald und in die Berge… Was soll ich dann noch machen? Dann ist Schluß…“, antwortete John. „Wenn meine Frau vor mir sterben sollte, dann ist Schluß. Sonst habe ich ja nichts. Über meine Zukunft mache ich mir keine Gedanken. Wenn ich daran denke, daß meine Frau vor mir sterben sollte…“

Ebenfalls in den 1970er-Jahren besuchte der Historiker Klemens von Klemperer (1916-2012) auf seiner „Reise durch das Zwanzigste Jahrhundert“ die Johns. „Although they once had powerful friends all over the country, they now felt abandoned“, schrieb er später in seinen Memoiren. „Otto John’s exile in the Hohenburg was a self-exile. While he could have returned to Germany, he chose not to. The name of Otto John had been buried in a residue of rumor and suspicion, and the remote but not too distant Tyrolean mountains afforded him a refuge of sorts. But exile is exile.“

Lucie und Otto John verstarben 1991 bzw. 1997 in Innsbruck. Auch wenn das Ehepaar laut den Zeitungsberichten zurückgezogen gelebt haben mag – können über drei Jahrzehnte des Aufenthalts in Igls wirklich keinerlei Spuren hinterlassen haben? Das kann ich mir fast nicht vorstellen…

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-8241)

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