Erste Hilfe für Alle
In medizinischen Notfällen schnell und angemessen zu reagieren, ist eine Fähigkeit, die jede:r von uns in Ansätzen beherrschen sollte. In unseren Tagen wird Wissen darüber vor allem in Erste Hilfe Kursen vermittelt, was insgesamt aber eine relativ junge Entwicklung ist. Aber schon mit der Aufklärung gab es erste Versuche, Hilfsmaßnahmen bei medizinischen Notfällen, wie etwa die Wiederbelebung von ertrunkenen Personen zu entwickeln und diese dann auch – ganz im Sinne der Aufklärung – öffentlich zu propagieren. Die Reichweite entsprechender Traktate war allerdings begrenzt. Dennoch wurde auf diesem Feld in der Folge ständig neues Wissen produziert und insbesondere in den vielen Kriegen um 1800 auch angewendet und erweitert. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erschienen dann immer wieder belehrende Schriften zu diesem Thema, eine solche findet sich auch bei uns im Archiv, die „Anleitung für Nichtärzte zur Wiederbelebung der Scheintodten und Rettung der Vergifteten“. (Mit „Scheintodt“ wurden seit etwa 1800 unterschiedliche Formen der Bewusstlosigkeit bezeichnet.)
Der Text wurde 1836 von der Hofkanzlei zur „allgemeinen Kenntniß und Beobachtung öffentlich kundgemacht“. Verfasst hatte die Anleitung der Wiener Mediziner Johann Josef Bernt, Inhaber der Lehrkanzel für Staatsarzneikunde an der Universität Wien. Die Medizinischen Fakultät ebendieser Hochschule, und damit die höchste Autorität in medizinischen Fragen im Kaiserreich, empfahl die Anleitung ebenfalls. Der Text, den man im Übrigen in digitaler Form auch hier in voller Länge finden kann, wurde nachfolgend regelmäßig neu aufgelegt. Er ist in mehrere Abschnitte unterteilt, in denen jeweils die wichtigsten Notfallmaßnahmen für unterschiedliche Situationen angeführt sind. Als solche sind gelistet: Erfrierungen, Hilfsmaßnahmen für Ertrunkene, Erwürgte und Erhängte, für Menschen die von Erstickungen durch Gase betroffen waren, vom Blitz Getroffene sowie Personen mit Vergiftungen und Schlangenbissen.
Die angeordneten Maßnahmen spiegeln dabei freilich das medizinische Wissen der Zeit wider. Vieles erscheint für uns heute teils ziemlich kurios, wenngleich die Überlegungen dahinter im Grunde nicht ganz falsch sind, wie beispielsweise das langsame Aufwärmen bei Erfrierungen – hier wird das allerdings wohl doch etwas sehr übertrieben. Seltsam erscheint uns auch der Ratschlag, eine im Haus vom Blitz getroffene Person ins Freie zu bringen, wohingegen dieser Ratschlag bei Erstickungen durchaus Sinn macht. So reicht das Spektrum der Ratschläge von falsch und bedenklich bis hin zu kann man so machen. Allein das Vorhandensein des Blattes zeugt jedoch davon, dass die Obrigkeit versucht hat, Bürger:innen ein basales medizinisches Wissen zu vermitteln.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum VO-1922)