Ein poetischer Blick auf Schloss Ambras
Die hier zu sehende Zeichnung von Schloss Ambras aus der Feder des Illustrators Richard Püttner (1842–1913) wurde 1882 in der Gartenlaube abgedruckt. Sie war Teil eines Artikels von Karl Stieler (1842–1885), ein Dichter, Jurist und – natürlich am wichtigsten – Archivar. Der gebürtige Münchner war entzückt von Schloss und Landschaft:
Die Lage des Schlosses ist entzückend schön, weithin herrschend, wie es ja im Zwecke jener alten Castelle liegt; allein noch mächtiger als diese Quadern und Zinnen schaut uns die Landschaft selber an. Langgezogen dehnt sich die riesige Bergeskette hin, zu deren Füßen die Stadt liegt, und bis in den Sommer hinein glänzt der Schnee noch auf ihren Höhen; drunten rauscht der Inn durch die Brücken; nicht weit davon liegt der kampfberühmte Berg Isel, und von da geht es auf dem uralten Brennerpfade nach dem Süden. Oft kommt sein lockender Hauch mit dem Föhn herüber; wir stehen gleichsam vor dem Thore, das die Wege zwischen Deutschland und Wälschland scheidet. Und das alles ist jetzt vom ersten vollen Grün durchwoben; aus den dunklen Wäldermassen glänzen die lichtfrischen Buchen, auf den hohen Wiesen wogen die Glockenblumen – alles summt und webt und flimmert. Darüber aber liegt jenes Himmelsblau, das die Seele dehnt – so bin ich in Junitagen durch die Pforten von Ambras gezogen, so steht es noch heute vor meiner Seele.
Auch die Geschichte des Ortes übte ihren Zauber auf den Dichter wie auf den Maler aus – und natürlich insbesondere die Liebesgeschichte des Erzherzogs und der Kaufmannstochter. Stieler war selbst mit einer Kaufmannstochter verheiratet, allerdings aus Nürnberg, nicht aus Augsburg – und er war nicht von Adel, auch wenn sein Vater königlich-bayrischer Hofmaler war.
Einen besonderen Eindruck machte auch der Tummelplatz auf den romantischen Heimatdichter:
Wir stehen in einem jener Erdenwinkel, wo sich das ewige Geheimniß von Werden und Vergehen in Waldesrauschen löst, wo der Gegensatz des kurzen Seins und des langen Nichtseins leise austönt, wo das Herz sich selber findet im Gefühle einer unermeßlichen Gemeinschaft. Unbewußt nehmen wir den Hut vom Haupte, obwohl der freie Himmel über uns liegt – eine geheime Andacht erfaßt uns. Nicht Einer von all den Menschen, deren Erinnerung hier bewahrt wird, ist uns jemals begegnet, und dennoch theilen wir die tausend Träume, Hoffnungen und Schmerzen, die niedergelegt sind in dieser Waldeinsamkeit.
Die Gartenlaube, 1882, Heft 52, S. 863-866.
(Signatur FW-G169)