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Auf Was Warten Diese Menschen?

Auf was warten diese Menschen?

Bei der Suche nach etwas ganz anderem bin ich zufällig auf dieses Bild gestoßen, das mich sofort in seinen Bann gezogen hat: Schauen einen doch so viele unterschiedliche Gesichter erwartungsvoll an.

Auf was die Menschen auf dem Bild warten, steht am unteren Rand des Bildes, den ich hier aber abgeschnitten habe. Der Aufnahmeort dürfte für die meisten wohl keine großen Probleme darstellen, ob der Bemalung des Hauses und den zahlreichen Hinweisen in Form von Hausnummer und den am Haus angebrachten Schildern. Der Zeitpunkt der Aufnahme ist hingegen vielleicht schon etwas schwieriger, aber auch hier vertraue ich auf das geballte Wissen und die Kombinationsgabe unserer Leserinnen und Leser.

Die Laune der Wartenden – und soviel sei als Hinweis erlaubt – war trotz der schwierigen Zeiten, zumindest nicht ganz schlecht.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum PH-18899)

Dieser Beitrag hat 25 Kommentare
  1. Rechts sieht man wohl das Selchwaren- und Delikatessengeschäft des Josef Madl. Die Übersiedlung ins Haus Leopoldstraße 33 erfolgte 1903, wie man in diesem Inserat nachlesen kann:
    https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=ibn&datum=19031121&seite=13&zoom=33

    Dazu gibt es eine ziemlich traurige Familiengeschichte:
    Herrn Madl gehörte das Zinshaus in der Schidlachstraße 4. Der einzige Sohn Max Madl, Student, ist 1919 tragischerweise mit 21 Jahren an einer Blinddarmentzündung gestorben. Am Tummelplatz findet sich an der Kapelle eine Gedenktafel samt Foto.
    Im gleichen Jahr wurde Josef Madl aus psychischen Gründen entmündigt. Er wurde 1940 tragischerweise deportiert und starb im Schloss Hartheim bei Linz.
    Die Witwe Anna Madl geb. Lacher starb 1942. Das Haus in der Schidlachstraße 4 wurde 1944 durch Bomben schwer beschädigt.

  2. Laut dem Tiroler Kunstkataster erfolgte die Restaurierung der Fassadenmalerei im Jahre 1903 durch den Maler Raphael Thaler, welcher in der Pradler Straße sein Atelier hatte.

  3. Ja, wofür stehen die Leute an? Sicher wegen Rationierungsmaßnahmen auf Grund der Lebensmittelknappheit gegen und nach Ende der Ersten Weltkriegs. Die frohe Stimmung gründet sich eher im überraschenden Ereignis photographiert zu werden.

    Es gab fast nichts Wichtiges, was nicht rationiert und geduldigst in manchmal 100 Meter langen Zweierreihen (Fischnalerchronik) werden mußte. Auf Grund der mitgebrachten Gefäße wird es damals wohl gerade Flüssiges, Milch, oder auch Öl, oder Petroleum für die noch weit verbreiteten Lampen gegeben haben.

  4. Das Foto stammt vom Fotografen Richard Müller und wurde bereits in den Innsbrucker Nachrichten vom 7. März 1941 veröffentlicht!

    Hier gibt es den betreffenden Zeitungsartikel samt Fotos zum Nachlesen:
    https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=ibn&datum=19410307&query=%22MILCH+SCHLANGE%22~10&ref=anno-search&seite=7

    Damit ist der perfekte Beweis erbracht, dass es sich in der Tat um eine Warteschlange vor einem Milchgeschäft handelt.
    Man sieht in der Zeitung sogar einen etwas anderen Bildausschnitt, auf dem Geschäftslokal rechts sieht man daher klar den Schriftzug „Josef Ma…..“. Es handelt sich somit in der Tat um das Geschäft des Josef Madl.

    1. Dann hab ich mich zeitlich um einen ganzen Weltkrieg verschätzt. NAtürlich stimmt „nach Ende des Ersten WK“ zeitlich, aber nicht sinngemäß.

  5. Wer von den Jungen weiß überhaupt, was die hier so gepriesene Rationierung im und auch nach dem Krieg bedeutete? Wenn wir das Beispiel Milch nehmen: Auf der Lebensmittelkarte war ein eigener Abschnitt für den täglichen Milchbezug, diesen musste man in ein Milchgeschäft bringen und man konnte dafür ein Monat lang (und nur in diesem Geschäft) in einem Milchkandele Milch holen! Für Erwachsene gab es nur Magermilch, für Kinder Vollmilch, die sicher auch nicht dem heutigen Standard entsprach. Und die Mengen: 3 ½ Liter für das ganze Monat!!!! Nochmals: Die Gesamtmenge für ein Monat

      1. Das mit der Milch hat mich nun selbst auch noch genauer interessiert, deshalb habe ich das Original einer Lebensmittelkarte für die Zeit vom 15.9. bis 12.10.1947, welches eingerahmt in unserer Küche hängt, heruntergenommen: Der Erwachsenen-Milchbestellschein für diesen Zeitraum war tatsächlich auf die Menge von 3 ½ Liter ausgestellt – man bekam somit je Werktag 1/8 Liter!! (unter 18 Jahre waren es ¼ Liter Vollmilch). Leider weiß ich nicht mehr genau, wie das bei uns (Mutter und ich – „gemischte Milch?“) in der Praxis gehandhabt wurde, ich sehe aber noch das kleine Milchkandele vor mir, mit dem wir die Milch holten.

    1. Sehr spannend, Herr Roilo! Dass die rationierte Milchmenge in den 1940er-Jahren 3,5 l pro Monat war, habe ich bisher nicht gewusst. Das sind ja ca. 0,1 l pro Tag!

      1916 gab es in der Pradler Straße sogar Tumulte in den Warteschlangen bei der Milchausgabe. Ich werde den Artikel heraussuchen.

      1. Das mit der Milch hat mich nun selbst auch noch genauer interessiert, deshalb habe ich das Original einer Lebensmittelkarte für die Zeit vom 15.9. bis 12.10.1947, welches eingerahmt in unserer Küche hängt, heruntergenommen: Der Erwachsenen-Milchbestellschein für diesen Zeitraum war tatsächlich auf die Menge von 3 ½ Liter ausgestellt – man bekam somit je Werktag 1/8 Liter!! (unter 18 Jahre waren es ¼ Liter Vollmilch). Leider weiß ich nicht mehr genau, wie das bei uns (Mutter und ich – „gemischte Milch?“) in der Praxis gehandhabt wurde, ich sehe aber noch das kleine Milchkandele vor mir, mit dem wir die Milch holten.

        PS Habe heute ein kleines Durcheinander mit den Antworten – aber es schadet ja nicht, wenn man sich das zweimal auf der Zunge zergehen lässt und alles mit dem heutigen Überfluss vergleicht!

  6. Der Wachmann, welcher auf dem Titelfoto in der Tür steht, war bestimmt nicht zufällig da, sondern sollte die Sicherheit und Ordnung während der Wartezeit überwachen.

    In Pradl und anderswo gab es nämlich sogar gewalttätige Tumulte bei der Milchausgabe. Die Innsbrucker Nachrichten vom 22. März 1916 berichten auf Seite 6:

    „(Der Kampf um die Milch!) Wer gestern
    Augenzeuge der Szenen bei der Milchabgabe in
    der Pradlerstraße war, bekam ein trübes Zu- ­
    kunftsbild davon, wie es noch kommen mag, wenn
    nicht bald eine Besserung der Verhältnisse eintritt.
    Die Leute stießen sich gewalttätig und die zwei
    Wachleute hatten große Mühe, die Ordnung auf- ­
    recht zu erhalten. Ein. halbwüchsiger Bursche be ­
    arbeitete ein Mädchen mit den Fäusten so brutal,
    daß es sich weinend aus dem Gedränge machte
    und ohne Milch heimgehen mußte. Der erst neu
    hergestellte starke Holzzaun Ecke Pradlerstraße-
    Amthorstraße wurde durch das Gedränge einge- ­
    drückt. Es wäre hoch an der Zeit, diesen Uebel-
    ständen ein Ende zu bereiten.“

    1. Ist auch in der Fischnalerchronik mit „Arge Raufszenen um die Milch in Pradl“ vermerkt. Wenn man umblättert, findet man am 26. April einen „Milchkrieg“ bei der einzigen Milchausgabestelle in St. Nikolaus vermerkt, sowie am 25. April 1916 einen Bericht über häufige Skandalszenen beim stundenlangen(!) Anstehen um Tabakwaren.

      Auch wenn die Versuchung groß ist, „wüste Raufszenen“ u.ä. auf Slapstick-Niveau zu reduzieren, ein Spaß war die Not der Menschen nicht.

      1. Ja, sehr interessant; Herr Hirsch! Das mit dem Milchkrieg habe ich eben in den Innsbrucker Nachrichten vom 27. April 1916 gefunden:
        „(Der „M i l ch krieg“.) Gestern vormittags
        gab es beim Milchgeschäft in St. Nikolaus einen
        argen Auflauf. Frauen, welche dort oft stunden-­
        lang auf die Milch warten müssen, kamen mit
        dem dort postierten Wachmanne hart aneinander,
        so daß ein anderer Wachmann zu Hilfe kommen
        mußte.“

  7. Richard Müller hat von der Warteschlange auf dem Titelfoto offenkundig zwei oder mehr Fotos gemacht.

    Im Buch „Tirol und der Erste Weltkrieg“ von Michael Forcher gibt es nämlich ein ganz ähnliches, aber nicht identisches Foto mit genau denselben Personen.

  8. Als ich 1948 auf die Welt kam, war die Lage schon entspannter, es gab aber immer noch die diversen „Karten“. Meine Anwesenheit bescherte unserem Haushalt aber eine Extraration für die stillende Mutter. Dazu noch die Milchkarte meiner Großmutter, die nichts damit anzufangen wußte und nach dem Motto „So krank kann ich garnicht sein, daß ich Milch trinke“ über 90 Jahre alt wurde.

  9. Sehr gefährlich waren solche Warteschlangen auch wegen Taschendieben. Da konnten die postierten Wachmänner gar nicht viel dagegen machen.

    Der Tiroler Anzeiger vom 25. Jänner 1917 berichtet diesbezüglich über folgende „Masche“ betreffend Schürzenmaschen:
    „Diebstahl beim Anstellen um Milch. In St.
    Nikolaus sind in der letzten Zeit wiederholt
    Frauen bestohlen worden, die sich um Milch an-
    stellten und vor dem Laden drängten. Die Die­-
    bin, oder die Diebinnen wendeten dabei folgenden
    Kniff an: Die anstellenden Frauen von rückwärts
    zu drängen, ihnen die Schürze zu lösen und zu
    stehlen, in der Voraussetzung, daß die Frauen
    ihre Geldtäschchen in der Schürzentasche aufbe-
    wahren. Der Diebstahl ist in mehreren Fällen ge­
    lungen, die Langfinger – man glaubt, daß es
    zwei Frauen sind – konnten leider noch nicht
    festgenommen werden.“

  10. Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare. Wie erwartet war der Ort nicht schwer herauszufinden. Auch das Warten auf die Ausgabe von Milch haben Sie richtig erkannt. Die abgeschnittene Bildunterschrift datiert das Foto auf den Herbst 1916. Die von Ihnen genannten Artikel zur Vergabe von Milch und Tumulten bei der Ausgabe passen da sehr gut dazu.
    Vielen Dank auf den Hinweis auf die propagandistische Nutzung des Bildes in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, das fand ich sehr spannend.
    LG
    Ch. Aichner

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