True Crime kulinarischer Stadtrundgang 1903: #Nacht 3
… Fortsetzung der Berichterstattung …
In der Nacht vom 23. zum 24. Jänner d. J. kamen Reisigl und Wisiol durch die Schlossergasse in Innsbruck, wo sie den Entschluß faßten, den Geschirrhändler Jakob Leikermoser zu bestehlen. Reisigl, der bei seinen nächtlichen Wanderungen immer eine größere Zahl von Einbruchswerkzeugen bei sich trug, schloß mit einem Dietriche die Haustüre auf. In das Haus gelangt, erbrachen 5re beiden mittelst eines Eisens die Türe des im ersten Stocke gelegenen Geschäftslokales und in diesem sohin eine Lade eines Pultes, in welchem sich 887,16 Kronen befanden, die sie an sich nahmen, worauf sie sich zum Innrain begaben, wo sie ihre Beute teilten.
Wisiol erhielt nach seiner Angabe 310 bis 320 Kronen und glaubt deshalb von Reisigl betrogen worden zu sein, was dieser jedoch in Abrede stellt, indem er behauptet, es seien auch ihm nur etwas über 300 Kronen verblieben.Wahrscheinlich ist, daß sie sich gegenseitig zu überlisten suchten und einander einen Teil des gestohlenen Geldes verheimlichten. Doch sei dem wie ihm wolle, Leikermoser hat aus seinem Kassebuche erwiesen, daß ihm 887,16 Kronen entwendet wurden, was Reisigl und Wisiol nicht zu bestreiten vermögen. Was die Ausführung des Diebstahls betrifft, so stimmen die Beschuldigten in ihren Angaben überein, nur geben sie die Zeit desselben verschieden an — 8 Uhr abend bezw. zehn Uhr nachts. Es behauptet jeder von ihnen, daß der andere den Anlaß zum Diebstähle gegeben habe.
Nacht vom 23.1 auf den 24.1.1903: Einbruch beim Geschirrhändler Jakob Leikermoser

Nach zwei eher kulinarisch motivieren Einbrüchen (wohl auch dem allgemeinen Dauerhunger der Zeit geschuldet) könnte man fast glauben, dass sich Eduard Wisiol und Karl Reisigl nun etwas Geschirr zulegen wollten, um die guten Sachelen auch stilgerecht kredenzen zu können. Auch wenn die beiden im Rückblick bei der Gerichtsverhandlung im Juni nicht mehr sagen können wer nun auf die Idee gekommen sei – das Mitführen von Dietrichen und Werkzeugen bei nächtlichen Rundgängen legt nahe, dass die Aktionen nicht ganz spontan erfolgt sind. Genau 887,16 Kronen hat die Buchhaltung des Jakob Leikermoser ergeben, das sind nun schon etwas über 8000 Euro, die fehlten.
Jakob Leikermoser war wie viele Innsbrucker innerösterreichischer Migrant mit Bezug nach Vöcklabruck, in desen Landbezirk Pöndorf liegt, eine heute 2500-Seelen-Gemeinde mit nicht weniger als 28 Unter-Ortschaftsteilen, die ihrerseits von Null bis knapp 400 Einwohner:innen haben, sagt uns die Wikipedia.

Das Titelbild zeigt (einen Vordruck? Es wurde auf die Rückseite eine Kuverts gesetzt) das Geschäftspapier des Jakob Leikermoser. Man bekommt ein gutes Gefühl für da tönerne Sortiment, das hier an der Doppeladresse Marktgraben/Schlossergasse angeboten wurde. Mit seiner Frau Maria Unterleitner aus Innsbruck-Pradl hatte er drei Töchter Marie, Ottilie und Josefine sowie drei Söhne. Albert, Karl und Johann. Karl starb als Kind,
Frau Leikermoser half auch im laden, wie uns die folgende Episode eines dramatischen Wetterphänomens am 31. Juli 1879 schildert.

Auf der Parte vom Marie sind alle Kinder, Schwiegerkinder und Enkel gelistet.

Albert Leikermoser übernahm das Geschäft im Jahr 1907, was auch durch eine (bei Übergaben in der Familie eher seltene) Annonce bekannt gemacht wurde.

Falls Ihnen der bei und seltene Name Leikermoser bekannt vorkommt, dann haben Sie vielleicht bei uns schon diese Geschichte gelesen, bei der in den 1930ern ein Enkel des Jakob ermordet wurde.



Albert Leikermoser starb 1941 und der Laden wurde von Sohn Erwin übernommen. Der wurde trotz der unrühmlichen Ermordung seines Cousins durch die Nazis selbst auch noch NSDAP Mitglied.
