Der Mord am Patscherkofel (II.)
Der Prozess vor dem Landesgericht 1953 war für Guido Zingerle nicht die erste Begegnung mit der Justiz. Im Alter von 14 Jahren lief er aus seinem Heimatdorf Tschars davon und wurde daraufhin von der Gendarmerie bei Mühlbach verhaftet und in ein Fürsorgeheim gebracht. Anschließend wurde er einem Hotelier „übergeben“, wie die Innsbrucker Nachrichten berichteten, und verrichtete für diesen Feld- und Stallarbeit. Natürlich neigt man dazu, aufgrund seiner späteren Verbrechen wenig Sympathie für Zingerle aufzubringen, aber es ist ein interessanter Einblick in die damaligen Vorstellungen von Jugendfürsorge, einen 14-jährigen nach seiner Haft als Arbeitskraft an einen Fremden zu übergeben.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Innsbruck kehrte er nach Südtirol zurück, wo er sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges auf Tabak- und Saccharinschmuggel verlegte. Als die Grenzpolizei ihn zum zweiten Mal aufgriff, wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt. 1923 wurde er zum italienischen Heer eingezogen, bereits im folgenden Jahr desertierte er jedoch und floh nach Frankreich. Dort wurde er verhaftet und zur Fremdenlegion geschickt. Dort desertiere er ebenfalls und wurde schließlich von spanischen Behörden aufgegriffen, die ihn an Italien auslieferten. In Turn wurde er wegen Fahnenflucht zu drei Jahren Haft verurteilt.
Nach seiner Haft begab er sich nach Meran, wo er Maria Greiderer heiratete. Das Paar hatte eine Tochter, aber dennoch schlug er dort keine Wurzeln, sondern begab sich nach Abessinien (Äthiopien), wo er Arbeit fand. 1936 kehrte er wieder nach Südtirol zurück, wo er zu Beginn des Zweiten Weltkrieges erneut vom italienischen Heer eingezogen wurde. Er desertierte und floh über den Brenner. Die deutsche Polizei fasste ihn, ließ ihn aber wieder frei, woraufhin er bei der Eisenbahn arbeitete. 1941 wurde er von der Wehrmacht eingezogen. Nachdem er in Russland verwundet wurde, kam in ein Lazarett nach Innsbruck. Von dort floh er wieder über den Brenner, diesmal in südlicher Richtung. Er wurde gefasst und zum Tode verurteilt, doch das Vorrücken der alliierten Truppen rettete ihn vor dem Erschießungskommando. Nach dem Krieg arbeitete er als Zeitungsverkäufer in Innsbruck.
(Die Thermen in der Nähe von Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, 1930. Es ist ein kurioser Zufall, dass das Stadtarchiv nicht nur Bilder aus Äthiopien besitzt, sondern auch noch welche, fast zur gleichen Zeit aufgenommen wurden, als Zingerle dort arbeitete. Über die Reise von Erwin Albert Hammerle in Abessinien wurde bereits eine Serie auf Innsbruck erinnert geschrieben. Signatur Ph-Pl-3010)