Das Tödlein
In der Sammlung von Schloss Amras findet sich diese kuriose Figur mit dem niedlichen Namen „Tödlein“. Sie zeigt ein Skelett mit Bogen, zwei Pfeile in der Hand über den Kopf erhoben. Auffallend ist nicht nur der große Detailreichtum, sondern auch die dynamische Pose der Figur. Geschnitzt wurde sie aus Birnenholz, von Hans Leinberger (ca. 1470–1531), einem Künstler unbekannter Herkunft, der aber zum erstmals in Landshut urkundlich erwähnt wird. Wahrscheinlich schuf er sie für Kaiser Maximilian, er war auch an einem der Schwarzen Mander (Albrecht IV.) beteiligt. Er schnitzte die Holzvorlage für die Statue, kam aber mit dem Guss nicht zurecht, woraufhin dieser von Stefan Godl und Leonhard Magt übernommen wurde.
Neben der Kunstfertigkeit, die offensichtlich in diese Figur floss, ist auch die Wahl von Pfeil und Bogen als Waffe des „Tödleins“ interessant. Normalerweise wird der Tod schließlich mit der Sense dargestellt. Ich konnte sogar keine einzige andere Darstellung finden, die den Gevatter mit Pfeil und Bogen zeigt. Die Beschreibung auf der Website von Schloss Ambras verweist auf das Buch der Psalmen für diese Symbolik:
Gott ist ein rechter Richter.
Und ein Gott der täglich droht
Will man sich nicht bekehren, so hat er sein Schwert gewetzt.
Und seinen Bogen gespannt, und zielet.
Und hat darauf gelegt tödlich Geschoss.
Seine Pfeile hat er zugereicht zu verderben.
Jetzt wird es aber spannend – wenn man Exegese und dergleichen unanständige Hobbies spannend findet: Je nach Übersetzung ist dieser Vers so zu verstehen, dass Gott sein Schwert wetzt und seinen Bogen spannt, oder dass der nicht Umkehrende seine Waffen vorbereitet. Das hebräische Original ist diesbezüglich anscheinend nicht eindeutig und unterschiedliche Bibelversionen geben es auf beide Arten wieder. Nach der einen Deutung straft Gott den Übeltäter, nach der anderen trägt das Böse sein eigenes Verderben schon in sich. Persönlich scheint mir letztere Deutung stimmiger zu sein, denn der Psalm endet so:
Siehe, er hat Böses im Sinn, mit Unheil ist er schwanger und wird Lüge gebären.
Er hat eine Grube gegraben und ausgehöhlt – und ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat.
Sein Unheil wird auf seinen Kopf kommen und sein Frevel auf seinen Scheitel fallen.
Ich danke dem Herrn um seiner Gerechtigkeit willen und will loben den Namen des Herrn, des Allerhöchsten.
In diesen Zeiten will man wohl auch als Agnostiker ein wenig Glauben in diese Zeilen finden.
(Signatur Ph-D-1416-6)