Die Waggonbewohner:innen #11
Vor wenigen Tagen hat uns die Tochter des hier etwas skeptisch blickenden jungen Mannes dieses schöne Bild ins Stadtarchiv gebracht. In Servietten-Halskrause über schickem Karo-Anzug, dazu weiße Strümpfe und in ersten Sandaletten herausgeputzt für ein Foto, das laut gemeinsamer Recherche sicher auf dem Innsbrucker Westbahnhof aufgenommen wurde. Der im Dezember 1928 geborene Knabe ist Alfred Brida, hier vielleicht ein gutes Jahr alt… was die Aufnahme etwa in den Frühsommer 1930 datiert.
Auf dem Foto sind noch mehr Personen bekannt. Gehalten wird Alfred Brida von seiner Mutter Marianne Brida geborene Beranek (* am 7. Juli 1904 in Franzensfeste), die im gestreiften Sommer-Leinenkleid mit blütenweißer Schürze, langen weißen Stümpfen und weißen Schlüpfern ruhig und freundlich ins Auge der Kamera blickt. Der oder die Fotografin ist uns nicht bekannt, vielleicht ist es ein Selbstauslöserbild oder der Vater der Familie, Johann Brida, hat es geschossen. Auf der Treppe sitzt Klein-Alfreds Schwester Marianna Brida, später verheiratete Raffreider, mit Mascherl, Pünktchenkleid, weißen Söckchen und Sandalen … und natürlich mit ihrer winterlich ausgestatteten Puppe im Arm. Die schon leicht aus dem Fokus der Kamera geratene zweite junge Frau in gestreiftem Sommerkleid, weißer Schürze und Socken mit Sandalen ist die 1907 geborene jüngere Schwester von Marianne, Hermine Beranek. Die beiden Schwestern tragen also das selbe Outfit, welche der beiden die Kleider genäht hat, ist nicht überliefert.
Die Familie Brida kam allerdings erst mit der Option 1940 nach Innsbruck und bis auf Hermine haben alle bisher genannten Personen 1929, im Jahr der Aufnahme, noch in Franzensfeste gewohnt – was die Lokalisierung des Bildes nicht erleichtert hat. Da aber die Eltern Mariannes, Josef und Maria Beranek zu dieser Zeit im Adressbuch mit Wohnort Westbahnhof genannt werden, war der Anlass des Fotos wohl ein Besuch der Tochter mit den Enkeln bei den waggonbewohnenden Eltern und Geschwistern am Innsbrucker Westbahnhof. Die Waggonsiedlung am Hauptbahnhof/Südbahnhof wurde um 1925 aufgelassen, am Westbahnhof standen noch bis 1938 bewohnte Waggons, was man auch den Wahlsprengel-Zuteilungen bei den letzten demokratischen Wahlen der Zwischenkriegszeit und der dann abgesagten Volksabstimmung vom 13. März 1938 entnehmen kann.
Bei der Erlangung des Innsbrucker Heimatrechts durch Josef Beranek kommt die bereits bereits 1921 in Maria Trens sehr jung verheiratete Tochter Marianne Brida nicht mehr mit auf das Formular.

Das wunderbare Foto der Familie Brida/Beranek zeigt neben den schon bekannten steilen Treppen in die Waggons und den ungesicherten Wegen dazwischen auch noch eine Frau im Hintergrund, die neben ihrem Waschzuber sitzt. Die hellen Querstreifen auf dem Weg sind keine Kiesbeete sondern Sonnenflecken; dazwischen errät man die Schatten der nebenan stehenden Waggonreihe. Die Familie Beranek hat laut Adressbuch erst im Jahr 1932 eine erste gemauerte Bleibe mit der Adresse Hohlweg 2 bezogen und übersiedelte dann etwas später dauerhaft in die Kapuzinergasse 34.
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„Die Waggonbewohner:innen“… meine absolute Lieblingsserie bei „Innsbruck erinnert sich“. Herzlichen Dank an das Stadtarchiv und Niko Hofinger für diese Serie und die Ausstellung „Von der Baracke zum Leerstand“.