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Unfreiwillig Nach Italien …

Unfreiwillig nach Italien …

… musste der Höttinger Ludwig Fischler Ende August 1916. Sind schon die rund 2,1 Millionen österreichisch-ungarischen Soldaten und Offiziere, die im Ersten Weltkrieg in russische Gefangenschaft gerieten, im kollektiven Gedächtnis kaum präsent, so gilt das noch mehr für die österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen in Italien. Ludwig war einer von ihnen und wir wollen an dieser Stelle versuchen, seine Geschichte nachzuzeichnen.

Geboren wurde er am 2. September 1877 als Sohn des Metzgermeisters und späteren Gemeindevorstehers von Hötting, Ingenuin Fischler, und dessen Frau Maria. Wäre es nach Maria gegangen, so wäre aus ihrem Sohn ein Geistlicher geworden. Doch Ludwig hatte andere Pläne und erlernte schließlich, wie sein Vater, das Metzgerhandwerk. Nach der Lehrzeit ging es auf die Walz nach Deutschland, ehe er wieder in den väterlichen Betrieb einstieg.

Das Brautpaar Ludwig und Johanna Fischler.

Nach seinem dreijährigen Präsenzdienst bei den Tiroler Kaiserjägern erhielt Ludwig von seinem Vater ein eigenes Geschäftslokal in der Kirchgasse in Hötting. Im Mai 1902 heiratete Ludwig die Näherin Johanna Plattner (1881-1958). Im darauffolgenden Jahr kam ihr erstes Kind zur Welt und bald kamen weitere Töchter und Söhne hinzu.

Ludwig Fischler mit seiner Frau Johanna und seinen Kindern, aufgenommen vor dem Ersten Weltkrieg.

Infolge der allgemeinen Mobilmachung musste auch Ludwig Fischler Anfang August 1914 einrücken. Zunächst hatte er jedoch das Glück, dass er nicht an die Front ziehen musste, sondern als Metzger in einem Innsbrucker Reservelazarett arbeiten konnte. Im Rückblick auf diese Zeit schrieb er:

„Wie oft schämte ich mich noch hier zu sein u. mußte es persönlich von manchem Neider hören, ja ist der immer noch da, freute mich also heimlich, daß plötzlich mit mir mehrere Kameraden gegen Italien abkommandiert wurden.“

Im Feber 1915 kam Fischler nach Südtirol, wo er der Besatzung der Sperre Landro im Höllensteintal zugeteilt wurde. Mit der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn begann am 23. Mai 1915 der Krieg an der Dolomitenfront. In den folgenden Wochen und Monaten hatte Ludwig mehrfach großes Glück, so wurde er einmal nach einem Granateinschlag in seinem Unterstand verschüttet und erst nach Stunden bewusstlos ausgegraben. Er kam in ein Lazarett nach Sand in Taufers und nach fünf Wochen von dort wieder an die Front.

Ludwig Fischler als Zugsführer, aufgenommen während seiner Dienstzeit in der Sperre Landro.

Am 29. August 1916 geriet Ludwig in italienische Gefangenschaft. Sein Frau muss einige bange Tage und Wochen durchlebt haben, als sie einen ihrer Briefe an Ludwig mit dem Vermerk „in Gefangenschaft geraten“ wieder zugestellt bekam. Erst im Oktober 1916 erhielt sie Nachricht von Ludwig:

„Es war damals eine schreckliche Nacht. Bin jedoch ehrlich und nicht als Feigling gefangen genommen worden. Mir geht es den Verhältnissen entsprechend gut. Habet keinen Kummer um mich, denn ich bin gesund. Wir befinden uns auf dem Transporte“, so schrieb er am 7. September 1916 an Johanna. Fischler war einer von etwa 180.000 österreichisch-ungarischen Soldaten, die vor dem 3./4. November 1918 in italienische Gefangenschaft geraten waren. Ludwig kam in ein Kriegsgefangenenlager auf Sizilien, wo der den Winter 1916/17 verbrachte.

Im Sommer 1917 wurde er, so wie die meisten anderen kriegsgefangenen Soldaten, auf Arbeit geschickt (dies war damals durchaus völkerrechtskonform, kriegsgefangene Offiziere durften jedoch nicht für Arbeiten herangezogen werden). Er kam zu einem Großgrundbesitzer, wo er als Erntehelfer arbeiten musste. Die Behandlung und Verpflegung waren gut, so Ludwig im Rückblick. Und weiter schrieb er:

„Nach 14 Monaten wechselten ich meinen Standort in Sizilien, dann hieß es wir werden nach Hause geschickt gegen Austausch italienischer Gefangener, wie groß war die Enttäuschung da wir nachts auf dem Schiff fuhren und in der Früh in Albanien landeten.“

Diese Karte schrieb Ludwig aus Italien an seinen Vater. Die Korrespondenzen der Kriegsgefangenen wurden in der Regel zweimal zensuriert – einmal in Italien und einmal in Österreich-Ungarn.

Für Ludwig und die anderen Gefangenen begann nun eine harte Zeit. Bei äußerst karger Verpflegung und großer Hitze mussten sie in Albanien Straßen bauen. Allerdings hatte Ludwig Glück im Unglück, da er nach drei Monaten einer Metzgerei zugeteilt wurde, wo er selbst schlachten konnte. So konnte er für sich und seine gefangenen Landsleute hie und da etwas Fleisch abzweigen. Erst ein Jahr nach Kriegsende sollte Ludwig aus Albanien nach Hötting heimkehren.

„Zu Hause angekommen weckte ich zuerst meinen Schwager im Nebenhaus, welcher darauf[hin] meine Frau vorbereitete. 10 Minuten später lagen wir einander in den Armen […]. Die Kinder waren alle wach geworden, die haben mich nicht mehr erkannt. Auch sind sie in dieser langen Zeit viel größer geworden, besonders der Jüngsten war ich gänzlich fremd; als ich fortging war sie 5 Monate alt, beim Wiedersehen 4 Jahre alt.“

Nach einigen Tagen der Erholung, nahm Ludwig wieder seine Arbeit als Metzger auf, doch es sollte fünf Jahre dauern, bis es für seine Familie und ihn auch wirtschaftlich wieder bergauf ging. Auch erhielt die Familie noch einmal Zuwachs – im Jahr 1920 wurde das achte Kind der Fischlers geboren.

Ludwig Fischler starb am 11. September 1939 in Hötting. Er wurde 62 Jahre alt.

PS: Herzlichen Dank an Josef Schönegger, der die Quellen für diesen Beitrag vermittelt hat!

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-Dig-765, Ph-Dig-771, Ph-Dig-774, Ph-Dig-775)

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