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Schönfärberei Einmal Andersrum

Schönfärberei einmal andersrum

Wir betrachten ein recht bekanntes Innsbrucker Postkartenmotiv. Es zeigt den Blick nach Norden in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße. Das Foto wurde wahrscheinlich an einem späten Frühlingstag in den 1930er Jahren aufgenommen – wir sind jahreszeitlich bald am Ende der Figlsaison angelangt. Mit diesem Bild stimmen mehrere Dinge nicht. Und das betrifft nicht nur den Umstand, dass die Aufnahme nicht im Jahr 1938 oder 1939 gemacht wurde.

Zum heutigen Nationalfeiertag (den nur Jörg Haider konsequent Staatsfeiertag nannte, um die Existenz der österreichischen Nation so in Frage zu stellen) gehören natürlich die Fahnenmeere wie das Amen zum Gebet. Es gibt auch eine ganze Reihe von Postkarten mit der Maria-Theresien-Straße im NS-Fahnenmeer. Speziell in den Monaten nach dem Anschluss vom 11./12. März, rund um die „Volksabstimmung“ Anfang April sowie Führers Geburtstag am 20.4. gab es genug Gelegenheiten, die Stadt zu dekorieren. Für manche dieser Fassadengestaltungen liegen Entwurfszeichnungen im Stadtarchiv, sie sind immer schön bieder und rückwärtsgewandt, mit Taxen und Hakenkreuzfahnen als zentralen Dekorationselementen. Bei genauerer Betrachtung dieser Bilder ist es dann interessant, wie die NS-Straßengestalter das Verbot umgingen, in jüdischem Besitz befindliche Häuser und Geschäfte zu schmücken. Da hängen die Fahnen dann gelegentlich aus dem Stockwerk darüber oder der Bildausschnitt wird eben auf die andere Straßenseite gerichtet. Bei einer Tele-Aufnahme entlang der Nord-Süd-Achse konnte man diese Lücken auch ganz gut verbergen.

Hier bei unserer Ansichtskarte geht es allerdings um das Kuriosum, dass der Tiroler Kunstverlag offenbar kein eigenes Bild mit Hakenkreuz-Fahnenmeer in seinem Bestand hatte und somit der Laborant aus einer rot-weiß-roten Fahne eine Hakenkreuzfahne „zaubern“ mußte. Diese Fahne hing am Tag der Aufnahme relativ einsam aus dem obersten Stockwerk des Hotels Maria Theresia. Mit ein paar in den Grautönen gut abgestimmten Pinselstrichen wurde der weiße Mittelstreifen abgedeckt und dann noch ein Hakenkreuz zentral (und falsch dimensioniert) platziert – fertig war die NS-Ansichtskarte. Von diesem Motiv hat sich in unseren Beständen leider keine Variante ohne dieser Retusche erhalten… wenn unsere Leser und Sammler so eine besitzen, wären wir sehr interessiert daran.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Von der Version mit der Österreich-Fahne existieren in meiner Sammlung folgende 2 Varianten:

    Variante 1: gelaufen 1937 von Österreich nach England
    Vorderseite
    https://www.dropbox.com/t/PaApAR8vs7UHxm7T
    Rückseite
    https://www.dropbox.com/t/S3lQTFys86l2tHXM

    Variante 2: gelaufen ca. 1939 oder 1940!! Hier hat offenbar ein Kind sogar nach dem Anschluss noch die Karte mit der Rot-Weiß-Rot-Fahne verschickt. Der Kartenhersteller residierte laut Rückseite schon in der Straße der Sudetendeutschen, vormals Sillgasse. Diese Adressangabe und die Marke belegen erstaunlicherweise, dass der Kartenverlag zusätzlich zur Hakenkreuz-Retusche immer noch die alte Version hergestellt und in Umlauf gebracht hat…..
    Vorderseite
    https://www.dropbox.com/t/VjUPuQAYJtcUFwV6
    Rückseite
    https://www.dropbox.com/t/dJ79QlbEJK6tuvlL
    Die Bilder sind über die Links 7 Tage zum Download verfügbar.

  2. Nachtrag und Korrektur:
    Die Sillgasse hieß bereits vor 1938 Straße der Sudetendeutschen, es handelt sich somit um keinen NS-Straßennamen wie z.B. in Linz.
    Die Karte der 2. Variante ist somit sicherlich auch schon vor 1938 produziert worden. Restbestände wurden aber auch nach dem Anschluss noch mit der Post verschickt, wie das obige Exemplar belegt.

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