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Offene Rechnungen

Offene Rechnungen

Eines unserer letztwöchigen Rätsel zeigt den verwüsteten Innenraum des Gasthauses zum Weißes Kreuz. Wir schreiben den November 1904. Was war passiert?

Die lange Vorgeschichte kurz erzählt: Ab 1866, seit dem Verlust Venetiens und damit auch der Universität Padua, hatte die Monarchie kein italienischsprachiges Universitätsstudium mehr. Während die italienische Bevölkerungsgruppe eine eigenständige Universität, idealerweise in Triest oder Trient, forderte, lehnten konservative und deutschnationale Kreise jegliche Zugeständnisse kategorisch ab.

Nach Jahrzehnten des Hin und Her kam es 1904 zu einem Kompromiss, der, wie es eben ist, wenn die Fronten zu verhärtet sind, für alle Seiten unbefriedigend war: Keine Volluniversität in einem mehrheitlich italienischsprachigen Gebiet, aber ein italienisches Rechtsstudium innerhalb der Universität Innsbruck. Am 27. September 1904 verfügte der k. k. Minister für Kultus und Unterricht die Fakultätsgründung und am 3. November erfolgte die offizielle Eröffnung in der Liebeneggstraße 8.

Die folgenden Ereignisse, die auch unter dem Ausdruck „Fatti di Innsbruck“ bekannt sind, waren wahrlich kein Ruhmesblatt in der Innsbrucker Stadtgeschichte: Die italienischen Studenten und Professoren feierten in der Altstadt, die Stimmung war (national)patriotisch, die Wege kreuzten sich mit der deutschsprachigen Bevölkerung, ein Wort ergab das andere und schließlich flogen die Fäuste. Die italienische Festgesellschaft – unter denen sich auch zukünftige Trentiner Politiker wie Cesare Battisti und Alcide Degasperi befanden – saß im Weißen Kreuz fest. Die Polizei sah sich außerstande, sie vom aufgebrachten Mob in Sicherheit zu bringen. Dies gelang erst mit Hilfe des Militärs; bei der Evakuierung erstach jedoch ein Kaiserjäger mit seinem Bajonett den auf anti-italienischer Seite aktiven, ladinischen Maler August Pezzey. Die explosive Stimmung entlud sich am 4. und 5. November in Ausschreitungen gegen italienische Geschäfte und Einrichtungen. Auch die Rechtsfakultät selbst wurde verwüstet, wie man am obigen Bild erahnen kann.

Verhaftet wurden aber nicht die Randalierer, sondern über 100 Vertreter der italienischen Studentenschaft. Auch die gerade erst begonnenen Lehrveranstaltungen wurden wieder eingestellt und nur zwei Wochen nach der offiziellen Eröffnung wurde die italienische Rechtsfakultät am 17. November 1904 wieder offiziell aufgelöst. Ob das für einen Eintrag ins Buch der Rekorde für die am kürzesten existierende Fakultät aller Zeiten reicht?

Vor genau 50 Jahren schuf die Universität Innsbruck in Kooperation mit der Universität Padua 1971 übrigens wieder „ein Lehrangebot, das dem Bedürfnis einer deutsch-italienischen juristischen Ausbildung entgegenkam“. Daraus entwickelte sich über die Jahrzehnte schließlich das heutige Institut für Italienisches Recht.

Forschungstipp: Im Stadtarchiv Innsbruck befindet sich unter der Signatur D-210 eine 9(!)-bändige zeitgenössische Dokumentation der nationalen und internationalen Presseberichterstattung.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-28027)

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Sehr interessant dies ausgewählte Hintergrundinformation! Danke sehr.
    Da werde ich noch wo anders weiterlesen.
    Die Seite hier bietet immer wieder gute Denkanstöße und motiviert sich mit Themen zu befassen an die ich sonst gar nicht denken würde.

    1. Herzlichen Dank für die positive Rückmeldung. Einen etwas ausführlichen Beitrag zum Thema gibt es auf der Seite der Universität Innsbruck: https://www.uibk.ac.at/zeitgeschichte/hidden-histories/1904-heisser-herbst-an-der-universitaet-innsbruck.html Die Autorin, Gunda Barth-Scalmani, hat dazu auch einen Beitrag in der 2019 erschienen „Geschichte der Universität Innsbruck 1669-2019“ verfasst, den Sie bei uns im Haus oder auf der Universitäts- und Landesbibliothek einsehen können.

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