Richard Steidle (XXX.)
Ein Grund für die mangelnde Verhandlungsbereitschaft von Seiten Steidles und der Heimwehr war ihre prominente Stellung nach den Ereignissen des Vorjahres. Nach dem Schattendorfer Urteil und dem Brand des Justizpalastes waren es vor allem die Heimwehren gewesen, die die Streiks der Sozialdemokraten gebrochen hatten. In einer Rede in St. Pölten verkündete Steidle, dass die Heimwehren 150.000 Mitglieder zählten – beinahe doppelt so viele wie der Schutzbund aufbieten konnte. Letzterer war natürlich besonders in Wien konzentriert. Steidle, der aus seiner Verachtung für die Bundeshauptstadt seit Beginn seiner politischen Karriere keinen Hehl gemacht hatte, spottete: „Die Wiener Ziffer imponiert uns aber nicht. Denn die militärische Qualität des Wiener Schutzbundes muss als minderwertig bezeichnet werden.“
Während Steidle, welcher die Bedrohung durch Marxisten und Sozialdemokraten immer als Grund für Notwendigkeit der Aufrüstung der Heimwehren angeführt hatte, nun die Kampfkraft seines Gegners verhöhnte, wurden die Sozialdemokraten auch von ihren angeblichen Kampfgenossen attackiert. Denn dass der Schutzbund zum Objekt des Steidleschen Spottes herabgesunken war, war nach Ansicht des kommunistischen Tagblattes Die Rote Fahne allein die Schuld der mangelnden Kampfbereitschaft und übertriebenen Versöhnlichkeit der Sozialdemokraten. Dabei wurde nicht gefordert, denn Schutzbund zu stärken, denn dieser sei „in Wirklichkeit bereits ein Instrument gegen das Proletariat“, sondern dass sich das besagte Proletariat „mit neuen Methoden zusammengefasst“ werden sollte, „in breiten Abwehrorganisationen“.
(Aufmarsch der Heimwehr November 1928, Signatur Ph-A-15782)