Post aus Peking
Nach dem sogenannten „Boxeraufstand“ (1899-1901), der durch eine Intervention der Großmächte, an der sich auch die Habsburgermonarchie beteiligt hatte, niedergeschlagen worden war, blieb u.a. ein Wach-Detachment in Peking zurück, um die dortige österreichisch-ungarische Gesandtschaft zu schützen. Das Gesandtschaftswachdetachment stand unter dem Kommando von Korvettenkapitän Nikolaus Ritter von Radkowski. Ihm zur Seite standen drei weitere Marineoffiziere, ein Marinearzt und ein Marinebeamter.

Insgesamt zählte die Wachabteilung der k.u.k. Gesandschaft in Peking 170 Mann. Unter ihnen befand sich auch Conrad Marcsák. Er hatte in Innsbruck eine Brieffreundin namens Lidwina (Lida) Kränzl (1881-?), der er regelmäßig Briefe schrieb. So auch am 12. Oktober 1904. Auf dem Briefpapier der „Österr. Ung. Gesandtschafts-Schutzwache Peking“ teilte ihr Marcsák mit:
Geschätztes Fräulein!
[…] Ob der Säumnis bitte mir nicht zu zürnen, kam leider nicht früher dazu denselben [Lidwinas letzten Brief] zu beantworten, woran Schuld trägt, daß ich diesen Monat infolge stattgehabten [sic] Mannschaftsablösung mit Arbeit geradezu überbürdet war. Hiezu wurde ich behufs Übergabe der administrativen Dokumente nach Chingwantau (16 Studen per Bahn von Peking) auf das ablösende Schiff entsendet, welche Mission auch 4 Tage in Anspruch nahm.
Des gleichen danke ich Ihnen für das übersandte Bild herzlichst. Der schöne, allerdings ungefährliche Bandit fand meinen Beifall und bereitete mir große Freude. Es ist ein schöner, harmloser Bandit von dem ich mich, wenn ich mich in seiner Gewalt befände, sicher nicht fürchten würde. –
Diese Art von Banditen ist allerdings in einer Hinsicht, sozusagen die gefährlichste, weil die meisten Überfallenen, von einer unwidersetzlichen Gewalt zu einem solchen „Banditen“ sich angezogen fühlend, gewöhnlich ihr Herz und überhaupt ihr Alles demselben zu Füßen legen – es gibt eben bei den weiblichen Banditen kein Lösegeld […]
Hier bei uns gab es jetzt eine kleine Aufregung infolge der Ablösung. Es sind 92 Mann nach Hause gegangen, Leute, mit denen wir beinahe 3 Jahre in der Fremde zugebracht haben. Der Abschied war ein herzlicher, sie steuern der Heimat zu, während wir noch 7-8 Monate in Peking bleiben müssen. Doch – 36 Monate sind schon vergangen, werden auch diese 8 vergeh’n – dann noch eine Reise von 3-4 Monaten und dann addio Marina!
Seit einem halben Jahr haben wir auch einb Dillettanten-Teater [sic] zusammengestellt, was zu unserem internen Vergnügungen sehr viel beiträgt. So haben wir auch am 18. August (wie Sie wissen werden, dem größten Feiertage bei Militär) zwei Vorstellungen gegeben; eine für unsere Mannschaft, sowie geladene Mannschaftspersonen aller hier detachierten Mächte, (am 16.), und am 17ten eine Zweite für unsere und fremde Officiere und alle diplomatischen Repräsentanten von Peking. Das Programm war zwar nicht großartig, jedoch gelungen und durchaus humoristisch. […] Unser Kantinen- und Teaterlokal [sic] ist groß und schön (faßt etwa 300 Personen). Die Bühne bis heute die schönste in Peking. –
Was die asiatische Politik anbelangt, ist momentan nichts zu bemerken – alles ruhig. Selbst vom Kriegsschauplatz [des Russisch-Japanischen Krieges] hört man nur ganz unbedeutende Berichte; man sammelt gegenseitig Truppen um dann gleich Tausende auf einmal zu schlachten und schlachten zu lassen – Alles fürs Vaterland! – Das ist die heutige Zivilisation.
[…]
Ansonsten ist alles wohl – immer gesund und fidel – man mußn es sein, sonst würde einem die Zeit gar nicht vergehen. Gestern machte ich wieder einen schönen – allerdings dienstlichen – Ausflug in den Sommerpalast der Kaiserin (4 Stunden zu Pferde von Peking) als Eskortereiter mit unserem Minister [= Gesandten] und den Offizieren, die bei einer Audienz bei der Kaiserin waren. –
Nun schließe ich für diesmal, meine Bitte um Vergebung wegen der Säumnis und meinen Dank für Ihren lieben Brief erneuernd verbleibe ich Ihr ergebenster
Conrad Marcsák
Bitte mir die Verzögerung nicht mit Gleichem zu vergelten, denn ich freue mich schon wieder auf Antwort.

(Slg. Kurt Klieber, Privatbesitz)
Lidwina Maria Josepha KRÄNZL wurde am 16. 02. 1881 in Feldkirch-Tisis als Tochter des Bahnbeamten Theodor Kränzl aus Obernberg/OÖ und der Rosalia Artner aus Großrußbach/NÖ geboren.
Sie heiratete am 16. 08. 1913 in Innsbruck, Kirche Mariahilf, den am 14. 10. 1884 in Wien geborenen Handelsangestellten Franz Wenzel HÖRMEYER, Sohn des Spakassenbeamten Franz Hörmeyer und der Bertha Adam.
Lt. Nachtrag zum Traubucheintrag verstarb Franz Hörmeyer am 22. 10. 1957 in Innsbruck.
Lt. Nachtrag zum Taufbucheintrag verstarb Lidwina Hörmeyer am 29. 10. 1968 in Innsbruck, Ing.-Etzel-Straße 59 (Greisenasyl).