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Glänzendes Elend

Glänzendes Elend

November 1912. Seit einigen Wochen tobt am Balkan ein Krieg, der die europäischen Großmächte an den Rand eines militärischen Konfliktes führen sollte. In dieser angespannten Situation greift Friedrich Ratzka, der gerade die Reserveoffiziersschule besucht, zu Papier und Feder und schreibt an den Pharmazeuten Adolf Breuer (1890-1982), der seinen Präsenzdienst in der Apotheke der k.u.k. Sanitätsabteilung Nr. 16 in Budapest absolviert:

Mein lieber Breuer!

[…] Meine Überraschung war eine große – das kannst Du Dir vorstellen – als ich einen Brief von Dir aus Pest erhielt!
Bub, mein lieber Junge, Du bist ja glücklicherweise in Deinem Berufe tätig und mußt im Kriegsfalle nicht dem Tod so kaltlächelnd entgegensehen wie unsereiner, der nichts als ein Teilchen von der Masse des Kanonenfutters ist! Schau, wir gehören zum 2. Korps [Wien] u. müssen im Falle einer nur teilweisen Mobilisierung mit! Was sollte ich mich sträuben? Bin ich nicht willenloses Werkzeug geworden, ein halbes Tier, das, wie man uns vormacht, freudigst die Gelegenheit, in den Tod fürs „Vaterland“ gehen zu dürfen, suchen soll!?

Weisst, Du, es ist immer das Beste, an das Schlechteste zu denken! Nun kommt es nicht so, dann fühle ich mich glücklich, leben zu dürfen, wieder in meinem Berufe zurück versetzt versetzt, arbeiten u. vorwärts streben zu können. O, wie schwinden da schnell alle idialen [sic] höheren [sic] Ziele – im Gedanken an ewiges Scheiden! Mein Gedankenleben bekommt [eine] neue Richtung u. so oft kommt es vor, daß man mich beim Drillen frägt: „Ja wohin denken Sie denn?“ Ach, sehr wohl, mein Lieber, schwirrt mir so vieles im Kopfe herum und ganz allein muß ich mir selbst gestellte Fragen beantworten, denn unter der großen Masse der E[injährig-]Fr[eiwilligen] ist eine große Menge Denkfauler Alltagsmenschen, die ich niedriger einschätze als manchen gemeinen Mann! Doch selten, daß man so wenig Denkende findet, so selten, daß man zwei von gleicher Gedankengemeinschaft wie wir sie uns beweisen, antrifft. Dieses Aussen- u, Scheinleben beim Militär ist mir ebenso verhasst wie Dir, gewiss; ich studiere allein die Menschensorte u. lerne; ich profitiere auch hier, ich Egoist, denn das Leben in jeder Hinsicht auszunützen ist jetzt meine Lieblingsdevise!
[…]

Diese Zeile erlauben einen Blick hinter den (scheinbaren) Glanz der österreichisch-ungarischen Armee, wie er auf Postkarten und in Fotografien oft in Szene gesetzt wurde. Im Alltag dominierte jedoch vielerorts finanzelle Sorgen, Monotonie und Drill das Leben der Soldaten und Offiziere.

In diesem Kuvert gelangte der oben auszugsweise wiedergegebene Brief an Adolf Breuer. Breuer musste zwar 1914 ebenfalls einrücken, wurde aber als Pharmazeut in Krankenzügen bzw. Spitälern im Hinterland eingesetzt. In der Zwischenkriegszeit ließ er sich in Innsbruck nieder, wo er die Saggen-Apotheke übernehmen sollte.

(Titelbild: Karikatur von Fritz Schönpflug aus: „Die Muskete“ vom 7. März 1907 / Brief: StAI, NL Adolf & Berta Breuer)

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