Der Sillschlucht-Gustl, ein fast vergessenes Innsbrucker Original
Nur eine kleine, dunkelblaue Zither ist von Gustl Payr, einem stadtbekannten Innsbrucker Original der 1930er- und 1940er-Jahre noch erhalten. Und ein paar Schwarz-Weiß-Fotos aus alten Zeitungen und Zeitschriften. Dazu noch ein paar Erinnerungen unserer Mutter, die ihren Großonkel als kleines Mädchen erlebte.
Die Rede ist vom Sillschlucht–Guschtl, wie er in Innsbruck meist genannt wurde. Sein Beiname rührte daher, dass er in der warmen Jahreszeit meist in einer Höhle hinter dem Bergisel übernachtete. Die strengen Tiroler Winter verbrachte er hingegen im Keller des Hauses seines Bruders Kaspar am Mentlberg.
Gustl war am 23. April 1873 In Innsbruck geboren worden und hatte hier als Monteur gearbeitet – und ist als solcher auch zwischen 1910 und 1924 in den Adressbüchern zu finden. Er selber bezeichnete sich gern als „Kunstmaler“. Warum er obdachlos wurde, weiß niemand mehr. Der Legende nach sollen Frau und Kind im Wochenbett gestorben sein.
Und so war er 1924 auf der Straße gelandet, verkaufte im Zentrum der Stadt Holzschnitzereien an die Touristen – die Fremden, wie man sie damals nannte – und unterhielt sie mit Späßchen und seinem Zitherspiel.
Er selbst verwies, wenn ihm der Schalk wieder einmal im Nacken saß, sein Gegenüber gern darauf, dass er eigentlich ein Adeliger sei und ein „von“ vor seinem Nachnamen führen durfte. Sein vollständiger Name lautete, zumindest erklärte er das den Interessierten, Graf Gustav Payr zu Tramin, „aber du kannsch Guschtl zu mir sagen.“ Doch war er weder ein Graf noch hieß er Gustav, sein Taufname lautete auf August, und er war nicht der Sohn eines Grafen, sondern des Innsbrucker Magistratsbeamten Caspar Payr.
Gustls jüngerer Brüder Kaspar war Lokführer, Beamter bei der staatlichen Eisenbahn. Für seine Familie war Gustl stets das peinliche schwarze Schaf der Familie, den man bei sich im Haus zwar duldete, der aber – so meine Mutter – nicht gut behandelt wurde.
Mit dem bürgerlichen Leben und seinen Vorgaben und Zwängen, aber auch mit seinen Sicherheiten wollte er absolut nichts mehr zu tun haben. So brach er sich Dezember 1932, wie die Innsbrucker Nachrichten schreiben, in der Nähe des Sonnenburger Hofes sein Schulterblatt, weigerte sich aber, im Krankenhaus behandelt zu werden und lief weg. Erst die von den Ärzten herbeigerufene Polizei konnte ihn dann zur Verarztung gegen seinen Willen in die Klinik zurückbringen. In den folgenden Jahren wurde er – meist wegen Stürzen – mehrmals in die Klinik gebracht; zum Teil suchte er auch selbst Hilfe.
Gustl sah gut aus: Für die „Fremden“ stellte er mit seinem Melkerhut, den langen Haaren und dem Rauschebart, der sein gesamtes Gesicht verdeckte, wohl das Urbild eines knorrigen Tirolers dar. Das wusste er und dieses Klischee bediente er gut, konnte er sich doch damit in der Hochsaison etwas Geld verdienen. Aufgrund seines pittoresken Äußerens spielte er 1929 als Komparse in einem Stummfilm über Andreas Hofer mit und wurde Zeit seines Lebens immer wieder von Journalisten interviewt und professionell fotografiert. So konnten diese dann ihren p.t. Leserinnen und Lesern zB über den sonderbaren „Einsiedler vom Bergisel“ (1931) berichten, was er jedoch nie war. Zwar hatte er sich von den Vorgaben und Zwängen der damaligen Gesellschaft freiwillig distanziert, er war aber kein Einsiedler und hielt sich gern unter Menschen auf. Er liebte auch Kinder sehr, wie meine Mutter über ihn zu berichten weiß, und nahm sich viel Zeit, um mit ihr herumzutollen und zu spielen. Sie kannte ihn als liebenswürdigen Menschen, der ihr immer sehr leid tat, weil ihn sein Bruder nicht gut behandelte.
Die Nationalsozialisten, denen ein Obdachloser nicht ins Gesellschaftskonzept passte, kleideten Gustl Payr neu ein und versuchten, ihn wieder zum Arbeiten zu bewegen und ihn so ins faschistische System einzugliedern. Mit wenig Erfolg, wie Hugo Klein in der TT vom 7. Jänner 1970 (S. 7) erzählt: „Das vertrug er aber keineswegs, die Kleider verpaschte und das Geld versoff er, und immer erschien er wieder in seiner alten, abgewetzten Lederhose und schäbigen Joppe, den Hut mit Federn besteckt und das Pfeiflein im Mund“. Mit dieser Widerspenstigkeit hatte Gustl durchaus auch Glück, dass er nicht als sogenannter „Asozialer“ im KZ landete.
Der Röntgenfacharzt Dr. Franz Mignon kannte den Payr-Gustl gut, der ihn oft in seiner Ordination aufsuchte, weil er wusste, dass der Arzt – der selbst keinen Alkohol trank – für ihn ein oder auch mehrere Gläser Schnaps und etwas zu essen bereithielt. Zum Dank spielte er ihm auf seiner Zither vor.
Seinem Neffen, meinem Großvater Josef, der wie er Zither spielen konnte, war der Gustl peinlich. Denn bis vor kurzem war es ein Familiengeheimnis, dass das schwarze Schaf im Grab meiner Großeltern seine letzte Ruhe gefunden hatte, ohne dass sich jedoch auf dem Grabstein ein Hinweis auf ihn findet.
In der Presse blieb Gustl hingegen auch nach seinem Tod sichtbar. Noch 1960, 15 Jahre nach seinem Tod, tauchte sein Porträt neben einer leicht bekleideten jungen Frau in einer Wiener Zeitschrift unter der Überschrift „Zwei Musikanten“ auf. Sein weißes Hemd ist teilweise offen, mit der linken Hand hält er seine Zither, mit der rechten seine Buckelkraxe, auf der er seine Habseligkeiten herumtrug. Bis in die 1970er-Jahre, als die Tiroler Tageszeitung noch einmal in einem längeren Artikel über ihn berichtete, war der „wilde Guschtl“ in der Erinnerung älterer Innsbrucker noch recht lebendig. Für seinen Text hatte der TT-Redakteur als Illustration ein Foto gewählt, wo Gustl seine Pfeife vor einem Kachelofen sitzend raucht und offensichtlich die Aufmerksamkeit genießt.
Über seine letzten Jahre wissen wir wenig. Laut Totenbeschauprotokoll starb August Payr am 27. Dezember 1945 im städtischen Altersheim in der Ing.-Etzel-Straße 59. In den Erinnerungen unserer Familie blieb jedenfalls Gustl, der liebenswürdige, doch eigenbrötlerische „wilde Mann“ vom Bergisel noch über lange Jahre lebendig.
(Reinhard Wieser)