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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Baracke Oder Wohnhaus?

Baracke oder Wohnhaus?

Wie Sie nur noch bis 6. Februar in unserer aktuellen Ausstellung „Suche Wohnung. Von der Baracke zum Leerstand“ sehen können, prägten Baracken über Jahrzehnte das Innsbrucker Stadtbild. In einer Zeit der absoluten Wohnungsnot, die mit der heutige Lage kaum vergleichbar ist, boten sie hunderten Bewohnerinnen und Bewohnern ein bescheidenes Dach über dem Kopf. Und es herrschte großer Bedarf.

„In den Sprechstunden tauchen immer wieder wohnungsuchende Parteien auf, die in Elendsverhältnissen leben. Oft Familien mit vier, fünf und mehr Köpfen in einem kleinen Zimmer von 2,5 mal 3 m; feuchte Wohnungen, Kellerwohnungen, Obdachlosenheim oder bei gutherzigen Be­kannten und Verwandten zerstreut. Manche die­ser haben einige tausend Schilling zur Verfügung, haben sich eine kleine Holzbaracke, sei es aus alten RAD-Beständen oder sonstwie beschafft und möchten um die Erlaubnis haben, diese auf eigenem oder fremdem Grund aufzustellen und zu bewohnen. Welche Stellungnahme soll hiezu die Stadtgemeide [sic!] einnehmen?“

Diese Frage stellte Bürgermeister Franz Greiter am 3. April 1952 in den Tiroler Nachrichten, der Parteizeitung der ÖVP, um sie in der Folge auch von seiner Warte aus zu beantworten: Da „in absehbarer Zeit keine Besserung“ der Wohnungsnot eintreten werden, solle mehr auf Behelfsbauten gesetzt werden, da sie in kürzester Zeit und mit einem Drittel oder einem Viertel der Kosten errichtet werden könnten. „Wenn sie mit entsprechender Isolierung ver­sehen sind, können sie ein der Sonne, zugängliches, trockenes Heim darstellen, welches jeder Familie, die bisher in einem Zimmer oder in einem feuch­ten Keller wohnen mußte, als ein Paradies vor­kommen wird.“

Leider, so Greiter, seien die Baubehörden von Stadt und Land aus städtebaulich-ästethischen Gründen jedoch grundsätzlich gegen solche Provisorien.

Naturgemäß wird niemand auf dem Standpunkt stehen, daß jeder Punkt der Stadt mit sol­chen Behelfsbauten verziert werden dürfte. Die Einfallstraßen der Stadt, bebaute Stadtteile im Innern, besonders sichtbare Gegenden sollen von vorneherein davon ausgeschlossen sein […] „Nebenbei bemerkt muß auch nicht jedes Holzhaus nach außen hin den Barackencharakter verraten; auch Barackenwohnungen können durch saubere In­standhaltung, Blumen usw. den schlechten Ein­druck weitgehend verwischen. […] Würde das Stadtbild von Innsbruck einen un­ersetzlichen Schaden erleiden, wenn in der Ge­gend der Reichenau statt 20 Baracken noch 50 bis 60 dort stehen würden? Selbst wenn dort eine kleine Barackenstadt entstünde?„, fragte Greiter.

„Das ist die Frage, vor deren Entscheidung die öffentliche Hand steht. Soll einer größeren Anzahl von Familien ein wenn auch bescheidenes, notdürftiges Heim geboten werden und sie dafür aus ihren Einzelzimmern, aus den Kellerlöchern, aus Obdachlosenheim oder aus der Zerstreuung in der ganzen Stadt herauskommen oder will man nach wie vor den Standpunkt vertreten: Wohnbedürfnisse der Bevölkerung haben gegen­über städtebaulichen Rücksichten zurückzutreten. Was steht höher?

Wir haben zu wählen zwischen der im Sinne alter, überlieferter Auffassungen gebauten Stadt mit soliden Wohnbauten, deren städtebauliches Bild keinen Beanstandungen Raum bietet; die Keller- und Einzelzimmerwohnungen werden wir dann zumindest von außen nicht sehen. Oder wollen wir eine Stadt, in der eine größere An­zahl von Familien ihre Wohnverhältnisse ver­bessern könnte, selbst wenn der Schönheits­fehler der provisorischen Bauweise in einem oder anderen Stadtteil ersichtlich ist?

Die Bevölkerung wird gebeten, zu dieser Frage Stellung zu nehmen.

Das Titelbild aus dem Familienarchiv Fill-Prevedell zeigt Baracken in der Reichenau, die mit Gärten und Gartenzäunen umgeben wurden und dadurch – wohl ganz im Sinne Bürgermeister Greiters – wohnlicher gestaltet wurden.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Familienarchiv Fill)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Und die „Prügelbau-Baracken“, NW-Eck Innrain – Blasius Hueber Str., seit wann standen die dort – und wie lange?
    Der Berliner Zeichner (und Sozialkritiker) Heinrich Zille war der Überzeugung:
    „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung genau so erschlagen wie mit einer Axt“
    Die Menschen, welche hier wohnen mußten, werden dieses Stigma wohl meist nicht mehr los..

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