Baracke oder Wohnhaus? – Rasche Zweifel
Die in meinem letzten Beitrag dargelegten Ausführungen von Bürgermeister Franz Greiter zu diesem Thema erschienen am 3. April 1952 vollinhaltlich und unkommentiert in den Tiroler Nachrichten, der Parteizeitung der ÖVP, sowie der ebenfalls konservativen Tiroler Tageszeitung. Aber auch die sozialdemokratische Volkszeitung – die leider im Unterschied zu den anderen beiden noch auf keiner Zeitungsplattform digital vorliegt – druckte die Ausführungen ab, weil sie der Meinung war, „daß man einem Bürgermeister die Möglichkeit geben soll, seine Gedanken zur Lösung eines schwerwiegenden Problems öffentlich darzulegen.“
Jedoch nicht ohne gleichzeitige Erwiderung. „Gerade wegen der Wichtigkeit dieser Frage fühlen wir uns aber verpflichtet, auch die Kehrseiten dieses Vorschlages entsprechend zu beleuchten,“ so die Volkszeitung. Zum einen wetterte sie parteipolitisch, für den Bürgermeister und seine Parteikollegen auf Bundes-, Landes- und Stadtebene sollten es doch möglich sein, bessere Lösungen finden „als den jämmerlichen Ausweg zur Barackenstadt zu empfehlen„.
Auf der Sachebene zweifelte die Volkszeitung aber auch die Kalkulation Greiters an: „Wenn der Herr Bürgermeister die Kosten der Behelfsbauten mit einem Drittel bis einem Viertel der Kosten stabiler Bauten annimt, so verzichtet er dabei offenbar auf jede sanitäre und verkehrsmäßige Aufschließung.“ Selbst Behelfsbauten „müßten immerhin ein menschenwürdiges Wohnen ermöglichen und vor allem die sanitären Anforderungen erfüllen, die in einer Stadt von 100.000 Einwohnern eben einmal gestellt werden müssen. Wir überlassen es den Sachverständigen, zu berechnen, ob dann solche Behelfsbauten billiger kommen, als Wohnblocksbauten. Wir sind überzeugt, daß ein solcher Vergleich schließlich doch zu Gunsten der soliden Bauweise ausfallen wird. Billiger wäre nur eine neue ‚Bocksiedlung‘. Ob das vertretbar wäre? Schon allein vom Standpunkt der Seuchenbekämpfung dürften dagegen schwerste Bedenken bestehen. Mit dieser Frage sollte sich wohl in erster Linie das Stadtphysikat beschäftigen„. Die sanitäre Erschließung sei wohl zwingend notwendig, denn hierbei gehe es „um die Gesundheit nicht nur der armen Kinder, die in einer solchen Baracke aufwachsen müssen, sondern um die aller Bewohner der Stadt.„
„Diese Gefahren sind leider nicht durch Blumen und noch so sauberen äußeren Anstrich zu beseitigen„, so die Volkszeitung, die auch vor den Langzeitfolgen für Bewohnerinnen und Stadtbild warnte: „Denn man muß sich darüber klar sein, daß man solche Provisorien nie wieder los wird – das bezeugen die vielen Dauerbaracken aus der Zeit des Ersten Weltkrieges an allen Ecken und Enden Innsbrucks, ja sogar mitten in der Stadt bei der Universitätsbrücke.“
„Nie“ war dann vielleicht doch etwas zu polemisch. Wie wir heute wissen, wurde man die Baracken an der Unibrücke, die Frau Stepanek in ihrem Kommentar zum letzten Beitrag erwähnt hat und die Sie am heutigen Titelbild sehen, ab den 1970er-Jahren mit dem Bau des Bruno-Sander-Hauses und der Geiwi-Natwi-Türme dann doch los. Nach immerhin sechs Jahrzehnten….
Weitere Barackenstandorte sehen Sie übrigens in unserer aktuellen Ausstellung „Suche Wohnung. Von der Baracke zum Leerstand“. Sie haben dazu noch genau eine Woche lang Zeit!
(Stadtarchiv/Stadtmuseum Ph-36607)
Ja, das waren sie. Die Prügelbaubaracken.
Und mit meiner Nonna war ich dort zwei- oder dreimal während des Krieges auf Besuch. Ich erinnere mich gut an den langen Gang. An die Wohnungseingangstüre auf der Westseite. Wir klopften – und ein herzliches „Ja, wer kommt denn da?“, als wir die Küchentüre öffneten.
Links von der Türe die Kredenz – daneben an der Querwand die Türe in ein Zimmer – dann Eckbank und Tisch. Geradeaus ein Fenster – zum Garten hinaus. Im Westen sah man diesen Fachwerkbau. Zum Fensterbrett hinauf eine kleine Holzstiege (so wie bei den WaggonbewohnerInnen auf den Fotos) und vom Fenster draußen abwärts in den Garten wieder eine. Rechts neben dem Fenster ein niedriges Küchenkastl. Daneben – in der rechten Wand – die Türe in ein zweites Zimmer, anschließend ein etwas größerer Sparherd.
Und – wie wunderbar – es gab eine Katze! Und ich konnte sie streicheln.
Nonna und Frau Maria plauderten miteinander. Dann stieg Frau Maria in den Garten hinaus und kam wieder mit Gemüse, das sie uns schenkte.
Das war noch – eben während des Krieges – bevor ihr älterer Sohn Karl am 29.6.42 tödlich verunglückt war.
Er wurde am Mühlauer Friedhof begraben. Es war ein sehr heißer Tag, als dieses Begräbnis stattfand. Schwarz verschleiert, wie sie damals dort stand, habe ich sie fast nicht wiedererkannt.
Noch ein- oder zweimal war ich mit Nonna dort – und wir kamen nie mit leeren Händen zurück.
Und dann die Bomben. Und unsere Evakuierung nach Erl. Und eine Postkarte von Frau Maria „Habe gehört, was geschehen ist und wo ihr jetzt seid“ erreichte uns in Erl „Beim Blauen“, wohin wir eingewiesen worden waren.
Später, von Fritzens aus, mußten wir nach Innsbruck. Zum Zahnarzt. Die Nonna hatte die Mama noch gebeten:“Tu mir den Gefallen – und schau mir bei der Frau Maria vorbei, schau wies ihr geht und grüß sie schön.“
Es war ein trüber kühler Tag. Und als wir kamen, sagte Frau Maria bedrückt „…und jetzt hab ich gar nix…“ und rief „Doch! Eine warme Erbsensuppe!“ Die köchelte hinten am Herd im großen Kessel vor sich hin, Und sie stellte uns beiden je eine kleine Schüssel warmer Erbsensuppe hin…
Ja – ist zu persönlich. Nein, hat nichts mit „Innsbruck erinnert sich“ zu tun. Ja. Über dieser Familie lag wohl das, was man „einen Unstern“ nennt….