Ein vergessenes Innsbrucker Original: Gigi
Im Zuge von Recherchen zu einem menschlichen Innsbrucker Original bin ich in der Tiroler Tageszeitung vom 28. August 1954 auf den folgenden Artikel über ein tierisches Innsbrucker Original gestoßen, den ich Ihnen nicht vorenthalten will.
TT.-Berichter bemerkten: Im Vergleich zu seiner Größe hat Innsbruck immer einen erstaunlichen Reichtum an „Originalen“ aufzuweisen gehabt. Vom „Sillschlucht-Gustl„ bis zu unserem „Berufstiroler“, der mit langem Bart und offener Hand die Fremden zum Photographieren (und nachträglichem Zahlen) provoziert, reicht eine lange Kette von mehr oder minder schrulligen und lustigen, aber im Durchschnitt harmlosen Zeitgenossen, Typen, die jedem, der sie kannte, unvergeßlich bleiben. Weniger bekannt dürfte es jedoch sein, daß auch die in Innsbruck zahlreich vertretenen Vierbeiner ähnliche Erscheinungen aufzuweisen haben, wie zum Beispiel den kleinen französischen Bully „Gigi„.
Gigis seltsames Schicksal begann mit jenem Tag, als ihn ein Auto überfuhr und man seinem damaligen Besitzer riet, den Hund töten zu lassen. Es fand sich jedoch ein richtiger „Hundenarr“, der sich des Todgeweihten annahm und ihn seither mit unwahrscheinlicher Geduld und Liebe pflegt. Gigi ist an sich gesund, der Unfall scheint aber einen Komplex in ihm hinterlassen zu haben, denn er hat sich zu einem „umgekehrten Wachthund“ entwickelt. Wo immer er sich in einem geschlossenem Raum befindet, läßt er freundlich wedelnd jedermann hinein, aber niemanden mehr hinaus. Sobald jemand weggehen will, wird der kleine Bully zur bösen Bulldogge, eine Tatsache, die seinem jetzigen Besitzer schon viel Kummer und Hunderte von Schilling gekostet hat. Gigi ist ob dieser Eigenart längst stadtbekannt. Alle Gastwirte von St. Nikolaus bis Pradl und alle Schaffner von Straßenbahn und Obus kennen ihn und seinen Herrn, der ihn vorsichtshalber meist auf dem Arm trägt.
Neulich neckte ihn ein Herr in der Straßenbahn durch die Scheibe der Eingangstür. Gigi geiferte, aber schwieg. Als jedoch der Schaffner die Türe für eine Sekunde öffnete und der Herr aussteigen wollte, hatte er auch schon eine blutige Nase. Er war ein Tierfreund und ließ es bei diesem Denkzettel bewenden. Nicht hingegen ein Oberkellner, dessen Frackschöße in Gigis Zähnen blieben, und zahlreiche Damen, die dank Gigis Temperament von seinem Besitzer neue Nylon-Strümpfe erhielten.
Gigi ist auch als Bühnenhund bekannt. In der „Zirkusprinzessin“ lief er, mit einer roten Schabracke angetan, brav über die Bühne, Als er aber in einer Oper ohne Befehl dasselbe tat, den „toten“ daliegenden Sänger beschnupperte und allgemeine Verwirrung stiftete, und seither er im Ballettsaal alle Mädchen auf Tische und Stühle trieb, hat er striktes „Theaterverbot“ erhalten und auch die Haftpflichtversicherung will von ihm nichts mehr wissen.
Das betrübt jedoch weder ihn noch seinen Herrn, der ihn weiterhin mit gleicher Liebe pflegt, mit Argusaugen bewacht und jeden warnt, sich allzu plötzlich zu verabschieden. Denn Gigi ist doch nur ein Hund und darf nicht das tun, was manche Menschen und Behörden straflos können: Alle herbei-, aber niemanden ungeschoren fortzulassen. G.
Dass das Bild für diesen Beitrag ziemlich miserabel ist, ist übrigens kein Zufall. Es schien mir ein gutes Symbol(bild) dafür zu sein, dass mittlerweile sowohl die Identität des Hundes als auch des Herrchens völlig im Dunkeln liegen. Noch. Da bei manchen von Ihnen die Ereignisse und Geschichten der 1950er-Jahre noch höchst präsent sind, würde es mich nicht wundern, wenn früher oder später jemand etwas Handfestes zu den Beiden zu berichten weiß…
(Bild: Stadtarchiv Innsbruck, Ph-A-24837-186)