D wie Dunkle Seiten: Das Tiroler Fasnachts-Lexikon (Teil XI)
„A Umzug oder a Brauchtumsschaugn begeistert fast alle Leit. A Juchitzer und a dreifaches Hoch auf die heilige Faschingszeit.“
Die Volksmusikgruppe Juhe aus Tirol veröffentlichte im Jahr 2024 das Lied A Hoch auf die Faschingszeit, aus dem diese einleitenden Zeilen stammen. Die Band bringt damit zum Ausdruck, welchen Stellenwert die Fasnacht in Tirol hat – nämlich den einer heiligen Praxis. So wichtig mir die Fasnacht auch persönlich ist und so sehr ich am liebsten einen schwärmerischen Beitrag nach dem anderen verfassen möchte, halte ich es zugleich für notwendig auch über die kritischen Aspekte zu schreiben, die Teil der Fasnacht waren und zum Teil bis heute sind. Denn wie die nachfolgenden Zeilen zeigen werden, war die Fasnacht keineswegs immer heilig.
Unser heutiges Foto stammt aus einem Zeitungsartikel, der über den Fasnachtsumzug in Thaur im Februar 1939 berichtete. Es zeigt die Faschingsfigur des „Juden“, die „das ganze Dorf in ihren Geschäftsbereich“ einbezogen haben soll. Die „Juden“ standen nicht direkt mit dem Mullen in Verbindung, sondern bildeten eine eigenständige Gruppe, die nach den Faschingswägen auftrat.
Wie so viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in Tirol blieb somit auch die Fasnacht nicht von der nationalsozialistischen Ideologie unberührt. Die Umzüge wurden gezielt dafür eingesetzt, um die eigene Propaganda in der Bevölkerung zu verbreiten. Im selben Artikel wird im Zusammenhang mit dem Mullen von einem „uralten volkstümlichen Faschingsbrauch“ gesprochen (Innsbrucker Nachrichten, Nr. 30, 6.2.1939, S. 6). Der Kunsthistoriker und ehemalige Direktor des Tiroler Volkskunstmuseums Josef Ringler (1893-1973) definierte bereits zwei Jahre zuvor das Mullen als einen „alten deutschen Volksbrauchtum“ (Allgemeiner Tiroler Anzeiger, Nr. 30, 6.2.1937, S. 6).
Die Vorstellung einer „deutschen Volkskultur“ war jedoch keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern reichte deutlich weiter zurück. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Vorstellung einer statischen Volkskultur, die für die nationale bzw. regionale Identitätsstiftung genutzt wurde. Die Deutung der Fasnachtsbräuche wurde aktiv für den Entwurf einer gemeinsamen Identität verwendet. Vor allem in der dörflichen Fasnacht wollten die rechtskonservativen Kreise einen Kern tirolischer Identität erkennen, die das Gegenstück zur Hektik und Dekadenz des modernen Großstadtlebens bilden sollte (Neuburger, 2017, S. 347). Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurde die Fasnacht gezielt als germanischer Volksbrauch inszeniert, der zudem die Unterschiede der „Völker“ aufzeigt. Während also die Thaurer Muller ihren „bis auf germanische Wurzeln zurückreichenden Brauch“ praktizierten, und den Kampf „des Sommers gegen den Winter, des Guten gegen das Böse“ darstellten (Deutsche Volkszeitung, Nr. 30, 6.2.1939, S. 3) zogen die „handelseifrigen Juden“ (Innsbrucker Nachrichten, 6.2.1939) am Publikum vorbei und symbolisierten offenbar das Vorurteil, das Juden eine auf finanzielle Macht und Profitstreben ausgerichtete Bevölkerungsgruppe seien. In diesem Zuge verlor die Fasnacht ihren religiösen Bezug. Statt ausgelassenen Feierlichkeiten vor der strengen Fastenzeit stand nun „die Rettung und Sicherung unseres Bauerntums“ im Vordergrund, indem die „Fest- und Feierabendveranstaltungen […] eigenes heimatverwurzeltes Denken, Fühlen und Gestalten stärken. […] Die Dorfgemeinschaft soll mithelfen, daß die rassischen und seelischen Kräfte unseres Bauernvolkes nicht versiegen“ (Innsbrucker Nachrichten, 18.2.1939, S. 2). Fremde Einflüsse, die das Brauchtum ergänzten, lehnten die Nationalsozialisten ab, denn „die alten Tiroler Volksbräuche tragen ihr eigenes bodenständiges Leben in sich und haben es nicht nötig, städtische Formen zu übernehmen.“ Die Gestaltung der Fasnacht lag somit nicht in den Händen der Dorfgemeinschaft, sondern war eine Angelegenheit der Politik.
Die Germanenthese und die Loslösung von der Religion waren folglich zentrale Bestandteile der Gestaltung der Fasnacht im Sinne des Nationalsozialismus. Diese Richtlinien wurden 1939 auch in einem Leitfaden der NS-Organisation Kraft durch Freude schriftlich festgehalten, die für die Bildung einer Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen verantwortlich war. Die „Deutsche Fasnacht“ soll demnach nicht mehr mit dem kirchlichen Kalender, sondern mit dem „germanischen Erbe“ in Verbindung gebracht werden. Hierfür schufen Volkskundler und andere zeitgenössische Wissenschaftler aus heutiger Sicht fragwürdige Ursprungsthesen, die bis zum Stamm der Langobarden in Skandinavien reichten. Sie versuchten, eine germanisch-deutsche Kulturkontinuität und damit einhergehend eine künstliche Überlegenheit gegenüber den „anderen Völkern“ zu erzeugen. Auch der bis heute vielzitierte Volkskundler Anton Dörrer (1886-1968) stellte in seinen Ausführungen Verknüpfungen zu alten germanischen Stämmen her. Im Zusammenhang mit dem Schemenlaufen in Tirol schrieb er 1938 etwa:
Die allein in Tirol mehr üblichen Bezeichnungen Schemen […] und Larven sind alt. Sie begegnen uns zum erstenmal in einer Pergamenthandschrift des 13. Jahrhunderts, die ursprünglich einem Tiroler Kloster […] gehörte […]. Die Worte bedeuten dort Gespenst, Dämon, und weisen auf die Maske als Schein, Erscheinung, Schattenbild, ursprünglich Totenseele hin, während das langobardische Wort masca einen Vermummten bedeutet, der mit seiner Netzumhüllung einen Geist darstellt […]. (Dörrer, 1938, S. 81)
Die NS-Geschichte der Fasnacht in Tirol wurde laut dem dem Soziologen Tobias Neuburger bisher kaum erforscht und wird in größeren Überblicksdarstellungen bis heute regelmäßig ausgespart. Allerdings wäre eine Auseinandersetzung mit der Thematik wichtig, da die damals veröffentlichten wissenschaftlichen Abhandlungen zur Fasnacht heute noch regelmäßig zur Darstellung der Geschichte der einzelnen Brauchtümer herangezogen werden. Sie zogen „handlungspraktische Implikationen“ nach sich, die „teilweise bis heute nachwirken“ (Neuburger, 2017, S. 347) und sind daher mit Vorsicht zu verwenden. Die Artikel von Dörrer und Co. sind nicht als „Regelwerke“ zu verstehen, die festlegen, wie ein Brauch auszuüben sei, da sie Kultur – wozu auch Brauchtum gehört – aus dem historischen Kontext lösen und ihr eine Kontinuität zuschreiben, die den dennoch stattfindenden Wandel der Gesellschaft ignoriert. Das hat zur Folge, dass Veränderungen innerhalb eines Brauchtums als Störfaktoren wahrgenommen werden, gegen die man sich vehement zur Wehr setzt. Möglicherweise haben Sie die Diskussion über Frauen als Gewehrträgerinnen bei den Tiroler Schützen verfolgt. Dies wäre ein aktuelles Beispiel für ein solches Phänomen, auch wenn es außerhalb der Fasnacht liegt.
Historische Schriftquellen zur Tiroler Fasnacht oder anderen Brauchtümern sollten daher immer in ihrem jeweiligen historischen Kontext betrachtet werden, was einen dynamischen Zugang zu besagten Traditionen eröffnet. Die Verherrlichung eines Brauchtums („Des hamma imma scho so gmacht“) als uralte unveränderbare „Volkskultur“ gilt es kritisch zu hinterfragen. Denn untrennbar verbunden mit der Annahme einer Kontinuität von Kultur ist die Praxis der Unterscheidung, Abwertung und Ausgrenzung (Neuburger, 2017, S. 356). Dies ermöglichte es den Nationalsozialisten, den Fasnachtsumzug in Thaur 1939 gezielt einzusetzen, um vermeintliche kulturelle Gegensätze zwischen der eigenen lokalen Tradition (den Thaurer Mullern) und den „fremden“ Juden herauszustellen, wobei diese Zuschreibungen auf rassistischen Vorurteilen beruhten und die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus der Gesellschaft begünstigten. Ausgrenzung kann aber auch auf einer anderen Ebene stattfinden. Ein gegenwärtiges Beispiel ist etwa die Tatsache, dass Frauen im Rahmen von vielen Tiroler Fasnachtsbräuchen nach wie vor nur im Hintergrund mitwirken dürfen, „weils imma scho so gwesen isch“ – und das zu einer Zeit, in der die Gleichberechtigung in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen längst weiter fortgeschritten ist. Von dieser Unlogik ausgehend stellt sich die Frage, ob in einer Gesellschaft, die einem ständigen Wandel unterliegt, nicht auch die Fasnacht künftig Veränderungen zulassen sollte?
Kann Brauchtum nicht auch gelebt werden, wenn Larven von Frauen getragen werden? Ist die Darstellung vermeintlich „fremder“ Menschen („Exoten“) bei der Fasnacht noch zeitgemäß? Fragen über Fragen, deren Beantwortung ich hier bewusst offenlasse. Sie können sich meine Meinung diesbezüglich womöglich ohnehin schon denken. Ich wollte im Rahmen dieses Beitrags lediglich zum Nachdenken anregen und lade Sie recht herzlich zu einer sachlichen (!) Diskussion in den Kommentaren ein. Damit schließe ich die Serie zur Tiroler Fasnacht pünktlich zum Beginn der Faschingszeit. Ich hoffe, dass der ein oder andere interessante Artikel für Sie dabei war. Für mich heißt es nun, mich unter das Publikum zu mischen und vielleicht den ein oder anderen Freitanz zu genießen.
(Foto: Innsbrucker Nachrichten, Nr. 30, 6.2.1939, S. 6)