Modisch in den Frühling
Nach dem meteorolgischen Frühlingsanfang am 1. März hat nun auch der kalendarische Frühling Einzug gehalten. Die Tage sind schon spürbar länger geworden, die Temperaturen milder und der Aktivitätslevel vieler Menschen steigt merklich an. Die Winterkleidung wird nun von vielen in entlegenere Winkel des Kleiderschranks verbannt und die Frühlings- und Sommergarderobe hervorgekramt. Modebewusste Damen und Herren stellen dann bei einem Stadtbummel nach dem Blick in die schön dekorierten Schaufenster der Kleidergeschäfte häufig fest, dass die eigene Garderobe durchaus noch ein paar zusätzliche, topmoderne Stücke vertragen könnte.
Dieses „Problem“ thematisierte, in leicht ironischer Form, der Autor des folgenden Artikels, der im Allgemeinen Tiroler Anzeiger am 21. März 1925 erschienen ist: „Nach dem Kalender haben wir nun wieder einmal Frühlingsbeginn. Aber mag nun für ein Wetter kommen was will, der Frühling ist leider keine ausschließliche meteorologische und astronomische Angelegenheit, auch als privilegierte Jahreszeit der Liebe und der Lyrik hat er sich schon so ziemlich überlebt. Für den Stadtmenschen gibt es eigentlich nur noch eine Art von Frühling: den Mode- und Schneiderfrühling, nüchtern und fachlich Frühjahr genannt. Diesen Frühling kann man natürlich nicht hold und verträumt im Hofgarten oder auf der Hungerburg suchen, sondern ausschließlich dort, wo seine ersten Triebe und Knospen zu finden sind: vor den Modeauslagen der Maria-Theresien- und anderen angrenzenden Straßen. Bevor man sich aber zu diesem Spaziergang, der ein wandelnder Kostenvoranschlag ist, entschließt, geht man zunächst zum Garderobekasten. Man kennt seinen Inhalt genau, man weiß, daß kaum ein Stück darin ist, das geeignet wäre, es in der lachenden Frühjahrssonne auszuführen, aber man hofft doch immer: Vielleicht hab‘ ich etwas vergessen, vielleicht ist unter den bejahrten Anzügen einer, der wie neu ist, oder schon so alt, daß er wieder die letzte Mode repräsentiert. Dann holt man die Schätze heraus: den unverwüstlichen, schwarzen Ueberzieher mit speckigem Seidenrevers, ein herrliches Stück für Leichenbegängnisse. Außerdem noch verschiedene, zu lange oder zu kurze Sakkos aus welkem, lebensüberdrüssigem Kriegsstoff und einige selbständige, gemusterte Westen, die überhaupt nicht mehr wissen, wozu sie auf der Welt sind. Das ist ein netter Frühlingsbeginn, der sofort mit einer Unterbilanz einsetzt: Wert des Inventars gleich Null, Betriebskapital ungefähr ebenso viel. Denn wie soll man daran denken, sich jetzt, wo man leider überall wieder echt englische Stoffe mit echt österreichischer Warenumsatzsteuer bekommt, neu auszustatten: zwei Sakkoanzüge, ein Ulster, ein imprägnierter Covercoat, ein Hut, Schuhe – unter 9 Millionen ist der Frühlingsbeginn im Garderobekasten nicht zu machen. Da werd´ ich den Frühlingsbeginn nur auf ein anderes Jahr verschieben müssen.“
Das Titelbild zeigt eine Glasplatten-Fotografie, die laut unserer Datenbank im Jahr 1926 in der Maria-Theresien-Straße entstanden ist. Der Fotograf Richard Müller lichtete einige Personen ab, die scheinbar höchst interessiert die Auslagen der Firma Friedrich Paschl, in der verschiedenste Stoffe ausgestellt sind, studieren. Dass es sich bei dem Bild um eine nicht ganz geglückte Fotomontage handelt, ist nicht zu übersehen: Ein Mann mit drei Beinen, ein Kind ohne Kopf und weitere schemenhafte Gestalten verwirren den überraschten Betrachter.
(Stadtarchiv Innsbruck, RM-PL-1340)
Das ist keine Fotomontage, sondern eine Langzeitbelichtung. Richard Müller wird hier vielleicht 30 Sekunden oder etwas länger belichtet haben, die Passant:innen haben sich währenddessen bewegt, vermutlich waren sie keine Statist:innen wie sonst häufig bei Profi-Fotografien aus dieser Zeit, sondern echte, zufällige Passant:innen – die Glasplatten waren nicht sehr lichtempfindlich und Belichtungszeiten von zumindest ein paar Sekunden waren die Norm. Sich bewegende Objekte waren allenfalls mit Nachziehen fotografierbar. Nur wer zwischendrin mal ein paar Sekunden stillgestanden hat, ist scharf abgebildet. Die Person mit den drei Beinen musste vielleicht dringend aufs Klo und hat deswegen herumgezappelt und auf der Stelle getreten.
Langzeitbelichtung wird heute immer noch eingesetzt, wenn man Gebäude oder Architektur fotografieren will, aber ständig Leute durch die Szene laufen. Heute macht man dafür die Blende so weit wie möglich zu und schraubt einen Graufilter auf, der bei Tageslicht längere Belichtungszeiten ermöglicht. Das Resultat ist dann ein Bild des öffentlichen Raums oder des Gebäudes, auf dem Passant:innen allenfalls geisterhaft wahrzunehmen sind, so lange sie sich eben bewegen.