Aus dem Tagebuch einer Hebamme…
Wenn der Titel Ihre Neugierde darüber geweckt hat, wie es um das Seelenleben einer Hebamme stand, muss ich Sie an dieser Stelle enttäuschen. Tatsächlich handelt es sich bei Hebammentagebüchern um eine (besonders für die Sozial- und Medizingeschichte) unterschätzte historische Quelle. Jede Geburtshelferin hatte Aufzeichnungen über die jeweiligen Entbindungen zu führen. Diese wurden gesammelt in einem Büchlein eingetragen: dem sogenannten Hebammentagebuch.
Anna Maier
Im Herbst des Jahres 1923 trat Anna Maier ihren Dienst als Hebamme in Hopfgarten im Brixental an. Anna wurde selbst am 28.10.1890 als Anna Stöckl als Bauerntochter in Hopfgarten geboren. Im Alter von 22 Jahren, am 20. Oktober 1913, heiratete sie in Salzburg den Maschinisten Josef Maier. In den folgenden Jahren bekam das Paar zwei Kinder, Theresia (*1914) und Margaretha (*1919). Mit großer Wahrscheinlichkeit hat sie ihre Ausbildung zur Hebamme in der Landesgebäranstalt in Innsbruck (dem Gebäude des heutigen Tiroler Landesarchiv) absolviert. Dies geschah laut Informationen der Gemeinde Hopfgarten im Hebammenkurs 1922/1923. Bezahlt wurde er von der Gemeinde. Im Gegenzug verpflichtete sich Maier, nach der Ausbildung ebenda zu arbeiten.
Ab 1923 taucht sie in den Taufbüchern der Pfarre Hopfgarten frequentiert als Hebamme in Erscheinung. Ein schneller Blick durch das entsprechende Taufbuch mag den einen oder anderen staunen lassen, denn dort wurden pro Jahr ziemlich viele Geburten verzeichnet für einen ca. 3000-Seelen Ort. Dies lag nicht zuletzt daran, dass in Hopfgarten ein von Ordensschwestern geführtes Geburtenhaus war. Dort dürfte vielleicht auch Anna Maier Geburten geleitet haben. Am 15. August 1964 verstarb Anna Maier im Alter von 73 Jahren.
Hebammentagebücher
Deren Hebammentagebücher aus den Jahren 1923 bis 1942 befinden sich im Bestand des Tiroler Landesarchivs. In den vorgedruckten Heften wurden die einzelnen Entbindungen genauestens dokumentiert.
Zu Beginn eines jeden Heftes stand zunächst eine Belehrung darüber abgedruckt, wie dieses zu führen sei. Im ersten Hebammentagebuch von Anna Maier wird sie demnach angewiesen, dass die Eintragungen vor dem Verlassen der Wöchnerin vorzunehmen sei und nach Ankunft zu Hause in einen Geburtenausweis zu übertragen habe. Die Hebamme war zudem verpflichtet, dieses in „reinem Zustande“ zu halten und gegebenenfalls dem Amtsarzt vorzulegen. Zu den zu verzeichnenden Informationen gehörten u.a. Geburtennummer, Informationen zu Gebärenden, wann die Hebamme eintraf, Kindeslage und Entwicklung des Kindes. Als Beispiel ein Beispiel hier die allererste Geburt, die von Anna Maier allein geleitet wurde gewählt:

Im Laufe der Zeit änderten sich Form und Vorgaben zum Führen der Hebammentagebücher. Im letzten erhaltenen Hebammentagebuch war beispielsweise zu verzeichnen, ob die Mutter gestillt habe. Die Hebammentagebücher sind somit eine interessante Quelle zur Geschichte des Hebammenberufs, der Medizin, aber auch der Gesellschaft. Denn darin wird widergespiegelt, was bei einer Entbindung und der anschließenden Wochenbettzeit als wichtig wahrgenommen wurde.
Autorin: Sabrina Mair
Quellen & (Weiterführende) Literatur:
- Sterbebild von Hebamme Anna Maier, https://sterbebilder.schwemberger.at/picture.php?/125302/search/psk-20260915-lPGiURGky0.
- AT-TLA/SAM FOFI Mikrofilm 1342; Hopfgarten im Brixental, Taufbuch 1879-1896, folio 211 [Matriken Tirol].
- AT-TLA/SAM FOFI Mikrofilm 1344; Hopfgarten im Brixental, Traubuch 1877-1915, folio 187 [Matriken Tirol].
- AT-TLA/BBÄ MIB – Handschrift 7088, Tagebuch der Hebamme Anna Maier in Hopfgarten 1923-1942
- Grabrucker, Marianne, Vom Abenteuer der Geburt. Die letzten Landhebammen erzählen, Frankfurt am Main 1989.
- Hilber, Marina, Professionalisierung wider Willen? Die Ausbildung von Hebammen in Tirol und Vorarlberg im Spannungsfeld von Norm und Aushandlung, in: Geschichte und Region/Storia e regione 24/1 (2015), 73–96.
- Lisner, Wiebke, „Hüterinnen der Nation“. Hebammen im Nationalsozialismus (Geschichte und Geschlechter 50), Frankfurt am Main 2006.