Map Stories: #Regulirungswut
Diesen Plan hatten wir in einer Variante schon einmal im Programm, nun ist ein update aufgetaucht, das uns ohne Kontext ebenso ratlos zurücklässt wie die vorhergehende Skizze. Man kann die neue Karte hier auch genauer studieren.
Im Jahr 1898 beschloss der Gemeinderat Anfang Februar, die Baulinien der Altstadt neu zu „reguliren“ (die Rechtschreibreform brachte hier schon 1876 das lange I ins Spiel, was einen alten Planzeichner aber nicht beeindruckte).

Ob das nun nur Neu- und Erweiterungsbauten betraf oder auch der Altbestand systematisch den neuen Linien weichen sollte, entzieht sich der Kenntnis des Betrachters und wurde auch nie so genau spezifiziert. Begonnen werden sollte am Marktgraben. Im Grunde ging es um die Entfernung der vielen Geschäftslokale, es möge Platz geschaffen werden für die bereits vorgestellte 15- und 20-Meter Breiten-Regel. Es wäre nicht Innsbruck, wäre nicht schon drei Wochen später ein Protestschreiben der sich hier ausnahmsweise völlig einigen Marktgrabeler an das Baucomité des Gemeinderates ergangen, um das Projekt gleich wieder wegzubekommen.

Eienen weiteren Monat später inseriert Bürgermeister Greil (das ist nicht anders als im Social-Media-Zeitalter: wenn man eine Presseerklärung ohne Interpretation der Journalisten hinaus bekommen wollte, musste sie gleich im Wortlaut gepostet werden) in den Innsbrucker Nachrichten und tut kund:

Der Verdacht drängt sich auf, dass der ganze Straßenverbreiterungsplan nur ein Ablenkungsmanöver des Bauamtes war, damit die Handelsleute das Marktgrabens sich weniger beschweren würden (weil es nicht immer nur sie erwischt sondern eh alle). Realistisch war es wohl nie geplant, in der mittelalterlichen Gassenstruktur der Altstadt das Gardemaß der Kutschenbreite durchzusetzen. In den Jahren davor und danach verschwindet das hier oft verwendete Konzept einer Baulinie völlig aus dem verwendeten Vokabular von Magistrat und Gemeinderat. Hier gilt, wie es die Mathe-Lehrerin des Autors dieser Zeilen gelegentlich formulierte: „Hast Du keinen blassen Schimmer, mach Dir eine Skizze immer.“
Zuverlässig undurchführbar. Das wäre das Ende der Altstadt gewesen, ein rudimentären Rest rund ums Goldene Dachl und die Lauben hätte der planende Wüterich (medizinischer Fachbegriff furor structurae, auch heute noch nicht behandelbar) verschont. Dafür endlich unter Opferung des Vierviecherecks eine diretissima vom Marktgraben zur Innbrücke, ich höre den Aufschrei der Höttinger. Schmunzeln muß ich aber dann doch, wie die bereits im Beitrag https://innsbruck-erinnert.at/die-firma-trautner-in-der-innsbrucker-altstadt/ bewitzelte breite Platzdarstellung auf der Werbeanzeige der Fa. Trautner Wirklichkeit geworden wäre.